Interview: Ein Leben für Postkarten

Dieser Text ist besonders. Genauso besonders wie der Mensch, von dem er handelt. Denn der Artikel ist ein Interview in Postkartenformat mit einer professionellen Postkartenschreiberin. Ja, den Beruf gibt’s seit ihn Sabine Rieker erfunden hat. Sie erzählt von ihrer Liebe zum Schreiben, ihrem Joballtag und dem Geheimnis unvergesslicher Postkarten. 

Dieses Interview begann auf Facebook und endete in meinem Briefkasten. Ich beobachte das Schreiben und Wirken von Sabine schon eine ganze  Weile. Ich mag den Minimalismus von Postkarten und ich mag ihre Herzenswärme, die ich aus jeder Karte herauslesen kann. Wenn jemand etwas Interessantes über das Schreiben von Postkarten zu sagen hat, dann auf jeden Fall Sabine – so mein Gedanke. Ich schickte ihr also meine Interviewfragen. Schnell bekam ich eine Zusage.

Dann hörte ich lange nichts.

Das Leben von Postkartenschreibern folgt einem analogen Rhythmus. Gewöhnungsbedürftig, aber schön. Vor allem, weil mein Briefkasten nach einer langen Weile der Vorfreude Tag für Tag kleine Kunstwerke ausspuckte, wobei die Karten – wenn ich es genau bedenke – mir eher wie Überlebende einer abenteuerlichen Expedition erschienen. Sie hatten umgebogene Ecken und Risse und manche waren vom Regen durchtränkt. Ich legte sie ehrfürchtig auf meinem Küchentisch zum Trocknen aus. Als die letzten Kollegen eintrafen, hatten sie sich dann akklimatisiert.

Jede Postkarte trug eine Nummer, orientiert an meinen Fragen. Ich warte bis heute auf die Nummer 1. Liebe Deutsche Post, die Nummer 1 wird noch gerne in Empfang genommen.

Jetzt habe ich also ein Interview auf 8 Karten vor mir liegen. Ich suche meine Fragen im Chatverlauf. Und stelle fest: Erst hat Sabine ausgewählt, welche meiner Fragen sie beantwortet, dann hat die Post aka das Schicksal nochmal gesiebt. Das ist also magische finale Mischung von Fragen und Antworten…

Wie sieht dein Arbeitsalltag als Postkartenschreiberin aus?

Ich wache weckerfrei auf (wenn ich nicht die Piepkonzerte meiner Lieblingsmitbewohner höre), freue mich darüber, mache mich fertig und gehe (fast) täglich zum Frühstück ins Kantinchen – Café Oase bei mir ums Eck. Dort schreibe ich meistens die erste (Toilettenpapierrollen-)Karte an Pablo ins Atelier G2. Es folgen weitere Karten nach innerer und äußerer Auftragslage. Fotos davon poste ich auf Facebook und Instagram – (m)eine Art Postkartentagebuch. Ich folge der Freude und schreibe darüber.

Was war die schönste Postkarte, die du jemals bekommen hast?

Ich bekomme so unfassbar viele schöne Postkarten, da ist’s mir nicht möglich, EINE rauszugreifen. Hm, was heißt für mich schön, schönste? Am schönsten an einer Postkarte finde ich die unterschiedlichen Gefühle, die sie in mir auslösen kann…eine Art Magie.

Wie schreibt man eine Postkarte, die im Gedächtnis bleibt?

Mit Herz. Hui, das war eine Spontantwort. Deine Frage beschäftigt mich weiter…wie kommst du auf sie? Ich kann es auf mein Gedächtnis und das meines angeschriebenen Gegenübers beziehen. Will, soll (m)eine Postkarte im Gedächtnis bleiben? Es ist vielleicht ein paradoxes Unterfangen: Ich schreibe etwas auf, um mein Gedächtnis zu entlasten, damit ich es mir nicht merken muss. andererseits habe ich oft das Gefühl, Erinnerungen durch das Aufschreiben zu festigen, im Kopf zu verankern…

Welche Tipps zum Postkartenschreiben magst du teilen?

Ich schreibe auf, was mir Freude bereitet, wofür ich dankbar bin. Ich notiere, was ich sehe, höre, fühle, rieche, schmecke – was mich äußerlich und innerlich berührt, bewegt. Details fokussiere ich – Magie und Wunder im Alltäglichen spüre ich überall auf. Aufnahmen kleiner Augenblicke und Momente, lustige wie traurige Szenen. (Selbst-)Erkenntnisse. Einfach drauf los schreiben…

Karten schreibt man ja häufig zu besonderen Anlässen, zum Geburtstag, aus dem Urlaub oder zur Hochzeit. Gibt’s für dich bestimmte No-Gos fürs Kartenschreiben?

Ich schreibe wann, wo, wie es mir gefällt. Dazu habe ich mich weitestgehend von den Erwartungen anderer Menschen und meinen eigenen frei gemacht. Tag für Tag finde ich Dutzende Anlässe zu schreiben, da möchte ich nicht auf Geburtstage, hochzeiten und Co. warten. Ich sehe ein bestimmtes Motiv, verbinde es mit (einem) Menschen und schreibe drauf los – nach Lust und Laune.

Was ist Schreiben für dich? Ganz unabhängig von Postkarten…

Schreiben ist mein Hauptausdrucksmittel, (m)eine Art Ventil. All die Eindrücke brauchen Aus-Drücke zum Druckausgleich, um mich in Balance zu bringen, halten. Im Schreiben steckt ein Schreien, ein Reiben. Für mich ist’s ein Klärungsprozess, ein Reinigen, Ordnen, Sortieren, Entwirren, Aufräumen, Vergewissern, (Selbst-)Erforschen. Schreiben ist für mich Bewegung, Kunst, Tanz, Handarbeit – alles und nichts. Schreiben ist für mich (m)eine Medizin, (m)eine Therapie, (m)eine Art, mich in dieser Welt zurecht zu finden.

Wie beschreibst du deine Beziehung zum Schreiben?

Haha, die Frage finde ich genial! Es ist eine Hassliebe. Krass, das klingt hart, zu hart. Ok, gut, dass ich darüber schreibe, um mir diese Beziehung mal klar vor Augen zu führen. Das Verhältnis Hass/Liebe ist eher 10/90. Die meiste Zeit liebe ich das Schreiben, und manchmal verfluche ich es. Also ich empfinde es als klitzekleinen Fluch und als riesigen Segen.

Du willst mehr über die Postkartenschreiberin erfahren? 

Das sagt die ZEIT über Die Postkartenschreiberin

Ze.tt hat Sabine verraten, ob und wie sie von ihrem ungewöhnlichen Beruf leben kann

Im Gespräch mit Matthias Morgenthaler vom Tagesanzeiger erzählt Sabine, ihren Weg von der Werbetexterin zur Postkartenschreiberin.

Zur Facebookseite der Postkartenschreiberin

Kostenloses E-Book: Weniger Stress im Alltag!

Erfahre im kostenlosen E-Book, wie du Entspannung und Wohlbefinden schaffst, indem du einfache Schreibübungen nutzt. - Jetzt eintragen und sichern:

Deine Daten werden ausschließlich für den o.g. Zweck verwendet. Du kannst dich jederzeit abmelden.

3 Comments Interview: Ein Leben für Postkarten

  1. Elisa

    Wie schön!! Ich schreibe gar nicht gern Karten (wie anscheinend die meisten Menschen), aber wenn ich das so lese, kriege ich doch wieder Lust. Denn es ist tatsächlich erstaunlich, wieviel Freude es auslöst eine Karte oder einen Brief zu erhalten. Tolle Idee, die Sabine da hatte, zumal ich es bewundernswert finde, dass sie es bei der Menge an Karten schafft, mit Herz zu schreiben. Eine schöne Inspiration! Danke fürs Vorstellen, Paul! 🙂

    Reply
  2. Nola

    Vielen Dank für das Interview! Postkartenschreiberin, wie bezaubernd, da komme ich gleich ins Träumen.

    An dieser Stelle daher auch ein ganz herzliches Dankeschön für Deinen tollen und informativen Blog. Ich bin erst vor Kurzem auf ihn gestoßen und werde jetzt regelmäßig reingucken.

    Reply
    1. Paul

      Nola, wie schön! Danke fürs Lesen und Laut geben. Da schreibt sich der nächste Artikel gleich viel leichter 🙂

      Reply

Kommentar verfassen