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Mara Thelling

Mara Thelling: “Deine Worte sind der Ausdruck deiner Seele”

Eine Nahtoderfahrung hat Maras Leben auf den Kopf gestellt. Sie versprach sich, ihr “neues” Leben dem Schreiben und Musizieren zu widmen. Im Interview spricht sie über Schreiben als spirituelle Praxis, ihren eigenen Schreibprozess und teilt Tipps, um den eigenen literarischen Weg zu finden. 

Mara Thelling ist Autorin, Philosophin und Musikerin. Viele Jahre arbeitete sie als Kulturmanagerin im Ausstellungswesen und Bildungsbereich. 2016 kündigte sie ihren Führungsjob. Seitdem widmet sich sich ganz dem Schreiben und Musikproduzieren.

Mara, du hast mittlerweile 5 Bücher veröffentlicht und mir erzählt, dass du die Buchideen  träumst und die Texte kaum überarbeitet werden, sondern einfach zu dir kommen. Wie darf ich mir das konkret vorstellen?

Es ist tatsächlich so, dass die Buchideen oft in Träumen zu mir kommen, manchmal auch beim sogenannten Tagträumen, wenn du verstehst, was ich meine.

Für mich hat das alte Wort „Muße“ noch eine große Bedeutung und wenn ich in „Muße“ oder auch am „Tagträumen“ bin, dann ist mein Geist geöffnet und ich kann einfach schreiben. Einfach so, ohne Manuskript, ohne Exposè oder irgendwas.

Die Figuren und Handlungen entstehen direkt beim Schreiben. So kann ich dir auch am Anfang eines Buches überhaupt nicht sagen, wohin die Reise des Buches gehen wird. Wenn ich schreibe, dann ist es so, als ob ich das (gerade entstehende) Buch mitlese. Ich bin manchmal selbst erstaunt, wie sich eine Figur oder eine Handlung in meinen Gedanken entwickelt.

Ich habe mich vollständig davon frei gemacht, wie etwas sein zu hat. Ich gebe mich beim Schreiben komplett in den Schreibprozess hinein und lasse das Buch sozusagen frei entstehen – ohne zu werten, ohne mit meinem Verstand korrigierend einzugreifen. Ich schreibe einfach genau das auf, was ich fühle und was sich in meinen Gedanken widerspiegelt.

Für mich ist es selbst spannend, dass ich in so vielen unterschiedlichen literarischen Genres unterwegs bin. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich früher selbst sehr viel gelesen habe und einen sehr spezifischen Zugang zu Literatur habe.

Wenn ich sage, dass meine Texte nicht überarbeitet werden, dann stimmt das nur zum Teil. Inhaltlich nehme ich tatsächlich wenige Änderungen vor. Ich habe dann immer das Gefühl etwas zu verfälschen. Allerdings korrigiere ich etwas, wenn ich denke, dass der Leser das von mir Geschriebene nicht richtig verstehen könnte, wenn Worte z. B. nicht mehr so gebräuchlich sind (ich liebe alte Ausdrucksweisen und Worte) oder missverstanden werden könnten. Dafür nehme ich mir relativ viel Zeit. Naja, und dann gibt es ja noch das Lektorat mit der Überarbeitung der Rechtschreibung usw.

Der Urtext hingegen, entsteht relativ schnell. So kann es schon einmal passieren, dass ein ganzes Kapitel an einem Nachmittag entsteht und die Worte einfach so aus mir heraus fließen.

Kommen wir noch einmal zum Träumen zurück. Wenn ich z. B. im Traum eine Romanfigur zum Leben erwecke, dann kann ich mich auch in meinem Wachzustand noch an Sie erinnern. Allerdings muss ich die Ideen dann gleich nach dem Aufwachen aufschreiben, sonst gehen die Details verloren. Es ist tatsächlich so, als ob die Figur mir ihre Geschichte erzählen möchte. Und ja, das tue ich dann auch, ich schreibe ihre Geschichte auf. Und in diesem Sinne kommen eben die Texte einfach zu mir.

Wie können wir alle lernen, mehr Zugang zu dieser schöpferischen Kraft zu finden?

Wie gesagt, für mich persönlich ist das Schreiben kein Handwerk, was man irgendwie erlernen kann oder sollte. Ich denke, es funktioniert so: … man stellt sich einfach in den Dienst der Literatur und fragt, was möchte geschrieben werden.

Sicher ist das nicht ganz so einfach und ich weiß, dass viele andere Autoren dies selbstverständlich anders sehen. Warum auch nicht? Ich aber, empfinde das nun einmal so.

Zugang zu dieser schöpferischen Kraft kann jeder haben, der bereit ist, sich dafür zu öffnen. Ich bin sicher, dass jeder Mensch schöpferische Kräfte in sich trägt. Leider sind sie jedoch im Laufe des bisherigen Lebens (auch durch Schule und „falscher“ Bildung) verloren gegangen oder sie wurden verschüttet und müssen nun mühsam wieder freigelegt werden.

Für mich ist es immer wieder spannend, wenn ich höre, von einem Professor oder Lehrer, der etwas vermittelt und sagt, dass etwas genau so oder so zu sein hat. In der Kunst muss z. B. etwas so und genauso gezeichnet werden und auch in der Musik muss (soll) man sich an viele Regeln halten.

Meiner Ansicht nach entzieht sich jedoch die Kunst und die Literatur, den von Menschen gemachten Regeln und stellt eigene neue Verfahren und Sichtweisen auf.

Wer in Regeln verhaftet ist und sich nicht loslösen kann, wie etwas zu sein hat, der wird niemals den wahren Zugang zu diesen schöpferischen Kräften entfalten. Nur wer mutig ist, alles loszulassen, was er einmal gelernt hat, sich von unnötigen Regeln frei machen kann und einfach beginnt, der kann erfahren, was es heißt wirklich schöpferisch tätig zu sein.

Nicht ich bin Künstler oder Autor, nicht ich (er)schaffe Kunst oder Literatur. Sie entsteht einfach aus der Freiheit heraus, einfach entstehen zu können und sie entwickelt sich so, wie sie es möchte und nicht, wie ich es als Autor oder Künstler oder Musiker will. 

Welche Rolle spielt das Schreiben in deinem Leben und wie hat sich deine Beziehung zum Schreiben im Laufe der Jahre vielleicht auch verändert? 

Das Schreiben und auch das Lesen hatten schon immer einen festen Platz in meinem Leben. Wenn ich mich zurückerinnere, dann hat Literatur schon immer eine Rolle gespielt. Als Kind war ich im Literaturzirkel und ich habe selbst sehr viel gelesen. Geschrieben habe ich damals jedoch wie ein Handwerker, immer einen Satz nach dem anderen und schön an die Regeln und an das Reimschema (bei Lyrik) halten. Es gab damals bei mir auch noch Exposès und Gliederungen, ja sogar Inhaltsverzeichnisse.

Freigemacht habe ich mich davon erst später, als ich erwachsen geworden war. Dennoch war es gar nicht so einfach, seinen eigenen literarischen Weg zu gehen und all das, was einem einmal vermittelt worden war, zu hinterfragen und dann (wenn es sich nicht mehr stimmig anfühlte) loszulassen.

Heute schreibe ich, wann immer mich ein Einfall oder eine Idee ereilt. Ich habe immer ein Notizbuch dabei, um meine Gedanken zu notieren und ich nutze auch alle Zwischenzeiten zum Schreiben, die sich mir bieten, z. B. beim Auto(mit)fahren oder auf einer langweiligen Party.

Wenn ich selbst Auto fahre und ich einen besonderen Einfall habe, dann fahre ich auf den nächsten Parkplatz und schreibe mir diese Ideen auf. Das mache ich sehr konsequent. Ich stelle mich also direkt in den Dienst der Literatur und auch der Musik (beim Songwriting ist es bei mir genauso).

 Dein erstes Buch hast du 2016 veröffentlicht. Gab es ein auslösendes Moment für diese Entscheidung, deine Texte mit der Welt zu teilen?

Ich meditiere regelmäßig und suche oft Zuflucht vom Alltag in der Stille. Hier kann ich am besten meiner inneren Stimme lauschen. Und genau diese innere Stimme war es, die mich ermunterte meine Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Heute empfinde ich es wie einen Auftrag Bücher zu schreiben, die anderen helfen möchten, ihren eigenen Weg zu gehen oder die dazu ermutigen wollen, sich einmal vom Alltag zurückzuziehen.

In deinen Büchern geht es um Spiritualität und Wege, ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Woher kommt dein Interesse für diese Themen? Welche Rolle spielt deine Nahtod-Erfahrung, die du 2010 gemacht hast?  

Ich glaube, mein Interesse an diesen Themen war schon immer da. Ich bin sozusagen damit geboren. (#Lacht.)

Nein Spaß beiseite, ich fühle mich schon immer als spiritueller und suchender Mensch. Als Kind war ich sehr sensibel und konnte Dinge wahrnehmen, die andere nicht sahen. So konnte ich schon immer die Aura von Menschen sehen. Während meiner Studienzeit und auch in den ersten Berufsjahren habe ich diese Sensibilität jedoch beiseite geschoben. Erst als ich mich 2010 mit dem Tod konfrontiert sah, konnte ich mich an alle diese Dinge wieder schlagartig erinnern und spürte, dass sie ein Teil von mir sind und schon immer waren.

Diese Nahtoderfahrung war ein sehr einschneidendes Erlebnis in meinem Leben, das keinen Stein auf dem anderen gelassen hat. Ich habe das Licht auf der anderen Seite gesehen und weiß heute mit Sicherheit, dass es eine andere Welt/Dimension des Lebens gibt, eine Welt hinter den Dingen, wie ich sie gern nenne.

Was ich unter Spiritualität verstehe, beschreibe ich übrigens sehr genau in meinem Buch „Spirit dein Leben“. Es „der Atem und der Hauch – all das Geistige, das in uns ist und uns umgibt; die allem innewohnende Kraft der Erneuerung, der Fantasie, der Kreativität und des göttlichen Funkens. Dieses Göttliche ist uns nicht immer bewusst und doch ist es in allen Dingen erkennbar, wenn man sich Mühe gibt …“ (S. 8)

Ich bin also aus dieser Nahtod-Erfahrung als ein anderer Mensch zurückgekommen. Ich fühle mich seitdem spirituell erwacht. Dazu hatte ich meine Lebensaufgabe gefunden und mich entschieden, wenn ich das hier überlebe … mein Leben dem Schreiben und dem Musizieren zu widmen und gute Dinge und Schönes in diese Welt zu bringen. Und das mache ich nun ziemlich konsequent. 

Du hast auch einen Gedichtband veröffentlicht. Was macht für die gute Lyrik aus?

Gute Lyrik erzeugt Anteilnahme und benutzt Worte, die aus sich selbst schöpfen. Da können schon einmal ganz neue Worte entstehen, die es so bisher noch nicht gegeben hat.

Ich weiß auch gar nicht, ob man wirklich von guter oder schlechter Lyrik sprechen kann und sollte. Ob mich als Leser etwas anspricht oder nicht, hängt im Großen und Ganzen wohl von mir selbst ab. Was für den einen gute Lyrik ist, dass kann für den anderen nicht lesbar sein. Ich möchte da gar keine Regeln vorgeben und alle Menschen selbst entscheiden lassen, ob sie etwas mögen oder nicht.

Ich persönlich mag Lyrik, die sich bewusst dafür entscheidet, etwas bewirken zu wollen, jemanden zu Tränen rührt oder einem die Gänsehaut über den Körper fahren lässt. Ja … das gibt es schon immer und wird es wohl auch immer geben.

Was gibt dir das Schreiben von Gedichten, was du in anderen Genres nicht findest und welche Tipps hast du, wenn ich mich bisher noch nicht an das Schreiben von Lyrik herangewagt habe und nun damit experimentieren möchte?

In der Lyrik kann man noch mehr die Schönheit der Worte genießen. Man kann noch mehr Fragen stellen, die keine sind und man kann bewusst ein Thema kurz und knapp bearbeiten und alles sagen, was zu sagen ist – auch ohne viele Worte.

Ich liebe die Lyrik schon immer und habe auch selbst eine ganze Reihe an Gedichtbänden gelesen.

Dennoch entsteht meine Lyrik genau, wie alle anderen meiner Bücher, einfach aus sich selbst heraus, in Muße und Stille und bei einer schönen Tasse Tee.

Die folgenden Tipps sind nicht nur für das Schreiben von Lyrik gedacht, sondern gelten für mich auch für andere literarische Gattungen … Vielleicht können sie anderen helfen, noch mehr ihren eigenen literarischen Weg zu finden.

  • Visualisiere deine Worte

Gehe mit offenen Augen und Ohren durch deine Welt und schreibe deine Wahrnehmungen direkt in ein kleines Notizbuch (Handy), was du unbedingt immer dabei haben musst. Fange an, dich mehr über Worte auszudrücken und deine Gefühle aufs Papier zu bringen.

  • Gib nicht auf, es zu versuchen

Wähle beim Schreiben deine eigenen Worte und lass dich nicht davon abschrecken, wenn etwas nicht gleich funktioniert.

  • Deine Worte sind der Ausdruck deiner Seele

Akzeptiere, dass Kunst/Literatur sich nicht beeinflussen lässt. Und auch, wenn Du selbst etwas nicht als gelungen anerkennen kannst, so sind diese Worte dennoch der Ausdruck deiner Seele und damit auch Literatur und Kunst oder beides.

  • Schreiben IST

Mache dir bewusst, dass alles, was du schreibst und kreierst, dein eigenes schöpferisches Werk ist, das niemals gut oder schlecht ist, sondern, dass einfach immer nur  – IST.

  • Finde die Worte in der Stille

Ziehe dich oft zurück, schalte Handy und Computer ganz bewusst ab und lass den kreativen Funken in dir aufglimmen.

Wie integrierst du das Schreiben in deinen Alltag, hast du regelmäßige Schreibzeiten oder schreibst du je nach Stimmung und innerem Bedürfnis?

Ich lasse mich ganz von den schöpferischen Energien leiten und die kommen eben nicht, wann ich das gern haben möchte, zu einem genauen Zeitpunkt an einem bestimmten Tag. Auch, wenn ich das eigentlich gern so hätte …

Ich folge dem Ruf des Schreibens, wann immer er mich ereilt.

Für mich ist Schreiben Berufung, Leidenschaft und Passion. Das kann ich nicht in irgendeinen Zeitplan stecken, und wie ein Handwerk betreiben.

Für mich ist Schreiben Kunst. Und Kunst ist für mich der Ausdruck meiner Seele, egal wie spät es eben gerade ist.

Du hast 2016 deine Festanstellung gekündigt, um ganz vom Schreiben und der Musik zu leben. Es gibt sicherlich einige Leser, die auch mit diesem Gedanken spielen oder davon träumen, vom Schreiben zu leben. Was hat dir das Vertrauen gegeben, diesen Schritt zu gehen? Was würdest du deinem Ich, das kurz vor der Entscheidung steht, aus heutiger Sicht gerne sagen?

Das war ein wirklich großer Schritt, den ich gegangen bin und auf den ich mich länger vorbereitet habe. So habe ich angefangen mein Leben (insbesondere finanziell) komplett neu zu ordnen und begonnen viele materielle Dinge zu hinterfragen und mich z. B. von ihnen zu trennen.

Ich habe mir selbst viele Fragen gestellt, z. B. ob ich unbedingt so ein großes Auto benötige oder ob nicht auch ein anderes reicht, um von A nach B zu kommen? Mein Entscheidungsprozess hat mehrere Jahre gedauert und ich habe mich lange darauf vorbereitet.

Große Unterstützung hatte ich durch meine Familie, die zuerst allerdings gar nicht begeistert war. Sie hat mir z. B. bei schwierigen Entscheidungspunkten mein eigenes Vertrauen gestärkt und mir geholfen, wann immer es notwendig war.

Du fragst, was ich meinem ICH aus heutiger Sicht gerne sagen würde, wenn ich heute noch einmal vor dieser Entscheidung stünde. Ich würde zu mir sagen: Warte nicht soooo lange, plane alles sorgfältig und gehe Schritt für Schritt. Sei nicht zu ungeduldig, habe Vertrauen und lass alles gehen, was nicht mehr zu dir passt.

 Welches Schreibprojekt möchtest du als nächstes umsetzen? Oder anders gefragt: Hat sich in deinen Träumen in letzter Zeit eine neue Buchidee gemeldet, der du nachgehen wirst?

Ich schreibe immer an mehreren Buchprojekten gleichzeitig. Aktuell sind das ein Roman, der im Jahr 2018 erscheinen soll und der langsam am Entstehen ist sowie ein kleines Lyrikbüchlein. Dafür bin ich auch noch auf der Suche nach einem Verlag … (#lacht)

Aktuelle Entwicklungen findest du immer auf meiner Webseite http://marathelling.me/

Ich würde mich freuen, wenn du mal vorbei schaust.

Mara, vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg mit deinen nächsten Projekten.

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