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Die andere Echokammer

Manche Echokammern bauen wir mit voller Absicht. In den sozialen Netzwerken zum Beispiel abonnieren wir Menschen, die unserer Meinung sind und halten unseren Newsfeed damit schön widerspruchsfrei. Wir genießen die Zustimmung einer Gemeinschaft, die uns versichert: Die Idioten, das sind die anderen. Das schränkt unseren Blick zwar ein, fühlt sich aber erstmal ganz gut an.

Aber da gibt es noch die anderen Echokammern, in denen wir eines Morgens aufwachen und in denen es ziemlich ungemütlich ist. Es sind die dunklen Räume in unserem Denken. Stell dir vor, du hast für die verschiedenen Themen in deinem Leben eigene Denkräume.

Manche Räume sind gut belüftete Wohnzimmer, in denen du gerne mit Familie und Freunden zusammensitzt, über Gott und die Welt redest und es dir gut gehen lässt.

Und in manchen Räumen sitzt du im Dämmerlicht allein auf der durchgesessenen Couch und siehst auf verhangene Fenster.

Wie im echten Leben können auch die schönsten Räumlichkeiten in die Jahre kommen, wenn man sie nicht pflegt. Oft ist es ein schleichender Prozess. Die Gäste werden weniger, die Lust am Putzen und Lüften lässt nach. Man ist ja auch gern mal allein … bis wir eines Tages dasitzen und merken: Gar nicht schön hier, ziemlich trostlos sogar.

Unsere Gedanken haben sich eingefärbt. Passend zum Staub auf den Regalen. Grau in grau. Wir versuchen vergeblich, das Netz aus selbstkritischen, pessimistischen Denkmustern abzustreifen, aber sind längst viel zu sehr darin verfangen.

Wenn wir einen lichten Moment haben, dann sehen wir uns um und versuchen den Raum etwas auszuleuchten. Schreiben ist dafür ein sehr gutes Werkzeug.

Intuitives Schreiben, zum Beispiel in Form von Morgenseiten, lässt uns erkennen, welches Gerümpel wir angesammelt haben und macht uns bewusst, wie wir uns überhaupt in diese Lage manövriert haben. Manche Menschen gewinnen im Schreiben sogar Klarheit, wie sie ihren Denkraum in Zukunft gestalten wollen und stellen einen Renovierungsplan auf. Und ein paar gehen wirklich los, kaufen Wandfarbe und nehmen den Putzeimer in die Hand, aber der Anteil dieser Menschen ist ehrlicherweise verschwindend gering.

Und das ist kein Wunder.

Denn wir haben uns viel zu sehr an unsere Echokammer gewöhnt, als Schutzraum vor der Welt. Wir haben uns eingerichtet und tun uns schwer alte Gewohnheiten aufzugeben. Und weil wir seit langer Zeit alles mit uns selbst ausmachen, hören wir auch beim Schreiben nur unsere eigenen Gefühle und Gedanken. Und die haben uns unseren Raum erst richtig verkommen lassen. Wir schreiben uns nur scheinbar Zeile für Zeile voran, treten aber eigentlich auf der Stelle.

Gut möglich, dass unsere Gedanken uns sogar einreden, dass es viel zu gefährlich ist, raus zu gehen. Warum sich der bösen Welt aussetzen, wenn wir doch einfach sitzen bleiben können. So übel ist es doch gar nicht. Muss denn jeder Raum hochglanzpoliert sein? Und überhaupt, manche Situationen muss man auch einfach mal annehmen. Frieden machen. Also, lehn dich zurück …

Echte Veränderung passiert aber erst, wenn wir trotz dieser Gedanken wieder Kontakt zur Außenwelt aufnehmen.

Wenn wir das Fenster aufreißen und beobachten, was draußen wirklich vor sich geht und vielleicht feststellen, dass es doch gar nicht so gefährlich ist. Vielleicht sogar freundliche Menschen vorbei spazieren sehen.

Wenn wir irgendwann den Mut aufbringen, nicht nur von der Fensterbank Smalltalk zu führen, sondern Besuch einzuladen.

Wenn wir erzählen und zuhören und vielleicht feststellen, dass das Projekt Renovierung doch ganz gut machbar ist, weil der Besuch gerne mithilft und überhaupt erst vor Kurzem selbst bei sich neuen Glanz reingebracht hat.

Dann drängen die guten Gespräche unsere gewohnten Denkschleifen in den Hintergrund.

Dann ist es plötzlich gar keine Frage mehr, dass wir losgehen, um neue Farbe im Baumarkt zu kaufen, dass wir anpacken und umräumen, weil da eine Vorfreude ist und die Gewissheit, dass es sich lohnt, dass es schön wird. So richtig mit Deko auf dem Tisch und frischen Blumen auf der Fensterbank.

Falls du mehr über die Räume in deinem und meinem Kopf erfahren willst, der Artikel zur Echokammer ist inspiriert von Oliver Petersens Buch “Gelassen durch den Alltag”*.

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5 comments

  1. Heike Börst says:

    Ja, vieles von dem stimmt und doch gibt es Gegenden und Situationen, in denen Renovierungsversuche, egal welcher Art, nirgends hinführen und manchmal sogar das Gegenteil bewirken können.
    Um das zu verstehen, sollte man allerdings diese Situationen und Umfelder erstmal selbst erlebt haben.

    Viele liebe Grüße

    • Paul says:

      Da magst du recht haben. Das Leben hat die Eigenart, dass fast immer auch das Gegenteil wahr ist. Der Optimist in mir mag allerdings den Glauben daran nicht aufgeben, dass auch in widrigsten Umständen ein Besuch einen Raum zumindest erträglicher machen kann.
      Alles Liebe

  2. Judith says:

    Hallo Paul,

    was für eine schöne Beschreibung der verschiedenen Innenräume.

    Ja, wir neigen dazu mit der Zeit das ein oder andere Zimmer verstauben zu lassen.

    Als wir klein waren haben wir das gesamte Schloss in Beschlag genommen, sind durch die Flure geschlittert, haben uns hinter Vorhängen versteckt und uns von den anderen Kindern finden lassen.

    Es ist eine super Idee den Smalltalk zu beenden, das Kissen von der Fensterbank zu nehmen und es dem nächsten Besucher aufs Sofa zu legen.

    Liebe Samstagsgrüße
    Judith *

    • Paul says:

      Hallo Judith,
      ich sehe, ich bin an eine Kopfkinoexpertin geraten 🙂 Ich mag deine Website! Ich finde ja, Illustrationen werden als Glückszutat total unterschätzt. 😉
      Viele Grüße
      Paul

  3. Hallo Paul,

    Vielen Dank, schön, dass dir meine Seite gefällt.
    Motivierende Bilder, egal ob in Form von Worten oder als Illustration sind auf jeden Fall eine gute Glückszutat, das finde ich auch. =)

    Eine schöne Woche für dich!

    Judith *

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