Interviews, Spiritualität & Selbsterkenntnis

Interview mit Stefan Schwidder: „Begib dich auf deine Heldenreise.“

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Unser Leben ist eine Heldenreise. Immer. Oft ist es uns nur nicht bewusst. Stefan Schwidder ist Biografiecoach und unterstützt Menschen dabei, ihre Heldengeschichte zu leben, ihre Lebensaufgabe zu finden und auf ganz individuelle Weise in die Welt zu tragen. 

Im Interview erzählt Stefan, wie biografisches Schreiben sein Leben verändert hat, räumt mit den größten Missverständnissen zum biografischen Schreiben auf und warum das eigene Leben nach einer Heldenreise komplett verändert ist.

Stefan, du bist Biografiecoach. Was machst du genau? Wie sieht dein Berufsalltag aus?

Ich unterstütze Menschen, die Verbindung zu sich selbst wieder zu finden, zu ihrem Kern, ihrer Essenz, ihrer Seele – zu dem, wofür sie in diesem Leben angetreten sind und zu dem, was sie aus tiefstem Herzen zu sagen und an andere weiterzugeben haben.

In der gemeinsamen Arbeit entdecken wir Zusammenhänge und Muster, die auf die ganz individuellen Lebensthemen verweisen. Zum einen auf die herausfordernden Momente, auf die Krisen, in denen immer ein enormes, oft noch nicht genutztes Wachstumspotenzial steckt. Und natürlich auch auf die Potenziale, Talente und Gaben – sowie auf die Stimme der Sehnsucht, so etwas wie die Lebensaufgabe zu erkennen und in den ganz eigenen, unverwechselbaren Ausdruck zu bringen.

Es geht auch darum, sich und sein Leben anzunehmen, begrenzende Glaubenssätze zu erkennen und loszulassen und neue, erfüllte und oft auch sehr erfolgreiche Wege aktiv zu gestalten. Die Kraft der eigenen Lebensgeschichte zu erkennen ist in meinen Augen eins der größten Geschenke, die man sich selbst machen kann.

Wie bist du selbst zum biographischen Schreiben gekommen und wie hat es dein Leben verändert?

Ich habe als Journalist in Hamburg gearbeitet. Obwohl ich für renommierte Zeitungen geschrieben habe, habe ich irgendwann sehr deutlich gespürt, dass mich die Arbeit nicht mehr zufrieden stellt. Mir hat etwas gefehlt. Durch einen „Zufall“ habe ich meinen ersten Schreibkurs gegeben – das war der Startschuss in eine sehr erfüllte Selbständigkeit. Aus den Kursen heraus ist mein Ratgeber „Ich schreibe, also bin ich – Schritt für Schritt zur eigenen Biografie“ erschienen, dadurch hat sich mein Arbeitsschwerpunkt „Biografie“ verfestigt.

Durch meine eigene „Nachtfahrt der Seele“, wie eine fiese Lebenskrise so schön mythologisch genannt wird, hat sich meine Arbeit ab Mitte der 2000er Jahre verändert, vertieft. Ich war gezwungen, mich selbst mit meinen herausforderndsten Themen ehrlich auseinanderzusetzen und zu schauen, was mir wirklich, konkret, spürbar hilft.

Das, was ich in dieser Phase gelernt und verstanden habe, bildete die Basis für meine weitere berufliche Entwicklung: Mir ging es immer mehr um das große Potenzial von Krisen- und Wendepunkten in der Biografie. Wie die Helden in allen Geschichten am tiefsten, dunkelsten Punkt den Schatz finden, für den sie aufgebrochen sind, so erleben auch wir in unserem Leben oft genau dies: Schmerz hat einen stark transformierenden Charakter – wenn wir den Mut aufbringen, hinzuschauen, unsere Lektionen anzunehmen und dadurch einen Raum zu betreten, in dem ganz neue Möglichkeiten auf uns warten.

Ich bin immer wieder aufs Neue zutiefst berührt und fasziniert, wenn ich miterleben darf, wie die Menschen, die ich begleite, sich plötzlich öffnen, ihre verletzlichen Seiten zulassen, sie umarmen und dadurch in eine ganz neue Kraft kommen. Man sieht die Veränderung auch physisch.

Für welche Menschen ist biografische Heilarbeit sinnvoll? Inwieweit kann das Schreiben heilen und profitiere ich auch davon, wenn ich keine größeren Krisen in meiner Vergangenheit erlebt habe?

Schreiben erleichtert – wenn man die eigene Gedankengrütze aufs Papier fließen lässt, ist ein Teil des Gewichts draußen. Außerdem klärt es – wenn wir schreiben, ordnen sich unsere Gedanken, wir entdecken leichter Zusammenhänge und Verbindungen zwischen scheinbar getrennten Dingen. Wir geben dem Unterbewusstsein die Chance, wichtige Antworten zu liefern, die der Kopf beim Nachdenken nicht finden kann. Schreiben ist ein ganz wunderbarer, hilfreicher Begleiter für Selbsterkenntnis, Entspannung und inneren Frieden – egal, ob es sich um die großen „Big Points“ des Lebens oder um die kleinen Nervereien und Sorgen des Alltags handelt.

Was sind aus deiner Sicht die stärksten Argumente dafür, die eigenen Lebenserfahrungen aufzuschreiben? Von welchen Erkenntnissen und Erfahrungen berichten dir ehemalige Klienten?

 Die biografische Arbeit ist nur in erster Linie ein Rückblick – wenn wir mit dem ehrlichen Wunsch nach Verstehen, Vergebung, Wachstum, Klärung und Ausdruck auf unser Leben schauen und auf diese Weise Antworten finden, verändert sich etwas in uns, jetzt, heute. Und wir gehen so den noch vor uns liegenden Weg ein Stück weit leichter, friedvoller, begeisterter, inspirierter, selbstbewusster.

Beim Schreiben entsteht Klarheit über den Sinn des eigenen Lebens – und über seinen besonderen, einzigartigen Wert. Die meisten Menschen, die ich kenne, unterschätzen und unterbewerten ihre Lebenserfahrungen. Oft erkennen sie erst während der Arbeit, wie viel sie anderen zu geben haben, wie wichtig und inspirierend ihre Botschaft ist, wie sehr sie damit andere ermutigen und für sie ein „Leuchtturm“ sein können.

Was hat es mit der Heldenreise auf sich?

Die Heldenreise, dieses mythologische Grundmodell allen Erzählens, ist ein Spiegelbild unseres eigenen Lebens. Deswegen leiden, fürchten oder freuen wir uns im Kino mit den Heldinnen und Helden auf der Leinwand – es findet eine unbewusste Identifikation statt, eben weil es sich um ein archetypisches Grundmuster handelt, das wir alle selbst in uns tragen.

Unser ganzes Leben ist von der Geburt bis zum Tod eine große Heldenreise, und mit jeder neuen Beziehung, mit jedem neuen Job, durch Krankheiten, Unfälle oder Reisen begeben wir uns immer wieder – freiwillig oder gezwungenermaßen – auf viele kleine Heldenreisen.

Das Verständnis der „Heldenreise“ hilft uns auf beeindruckende Art und Weise, unser eigenes Leben besser zu verstehen und zu bewältigen. Wenn wir zum Beispiel verstehen, dass es ohne den „Schatten“ – unser ureigenes Grundthema im Leben, das uns immer wieder begegnet und herausfordert – gar keine Entwicklung gibt und dass die „Schwellenhüter“ – die kleinen und großen Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen – uns in Wirklichkeit helfen, zu wachsen und voranzukommen, gewinnen wir ganz neue, stärkende Blickwinkel und Perspektiven auf die Ereignisse und Erfahrungen unseres Lebens.

Teilnehmer in meinen Kursen sagen oft, dass es „ein Leben vor und ein Leben nach der Heldenreise“ gibt – dem kann ich voll zustimmen. Die Kenntnis der Heldenreise bereichert, stärkt und erleichtert ganz konkret unseren Alltag. Und sie verbindet uns mit der Magie des Lebens und seiner Bedeutung für uns – mit den „Zufällen“, den Synchronizitäten, mit dem Zauber, mit dem größeren Ganzen.

Was sind die größten Missverständnisse, die dir in Bezug auf das biographische Schreiben begegnen?

Vor allem, dass es bei dem Schreiben der Biografie in erster Linie darum geht, hinterher ein Buch in den Händen zu halten. Natürlich kann das ein schönes Ziel sein – der eigentliche Wert dieser Arbeit liegt jedoch in dem Weg selbst: Wer ich werde, indem ich schreibe, indem ich verstehe, indem ich mich erkenne und auf einer viel tieferen Ebene mit mir selbst verbinde. Das ist der größte Schatz, den wir finden, wenn wir uns auf diese „biografische Heldenreise“ begeben.

Dann: Dass es so etwas wie eine „objektive Wahrheit“ gibt – es gibt immer nur eine ganz persönliche Sichtweise. Das ist eine sehr hilfreiche Erkenntnis, auch für das weitere Leben. Denn sie zeigt, dass eben auch die anderen ihre ganz eigenen Ansichten und Perspektiven haben (dürfen!), die genauso gültig sind.

Und schließlich: Dass es überhaupt „die eine Biografie“ gibt – wenn ich heute mein Leben aufschreibe und das in zehn Jahren noch einmal mache, ergeben sich zwei unterschiedliche Bücher.

Wenn ich jetzt Lust bekommen habe, meine Erlebnisse und Lebenserfahrungen aufzuschreiben, aber bisher nur wenig geschrieben habe, wie fange ich am besten an? Hast du ganz konkrete Tipps?

Ja, habe ich, vor allem einen: Fang an! 🙂  Einige Menschen, die ich als Biograf oder Schreibcoach betreut habe, sind vorher steckengeblieben, weil sie sich zu viele Gedanken über Struktur und Aufbau gemacht haben. Ob alles „richtig“ ist. Ob die Schriftgröße später 12 oder 14 Punkt sein wird.

Daher mein heißer Tipp: Setz dich hin und schreib das auf, was in deinen Erinnerungen obenauf liegt – kleine, in sich abgeschlossene Geschichten, Anekdoten, Erlebnisse. Leg den Text in eine Mappe und schreibe den nächsten. Er muss keine Verbindung zum ersten haben – Erinnerungen sind ja oft sehr sprunghaft! Wenn du etwa zwei Dutzend dieser Texte gesammelt hast, dann nimm sie noch einmal hervor und schaue, ob du einen „roten Faden“ in ihnen findest – ob du also bestimmte Themen, Personen, Orte, Ereignisse oder Umstände schilderst, die sich wiederholen oder häufig in deinem Schreiben auftauchen.

Bringe diese Geschichten dann in eine dir sinnvoll erscheinende Reihenfolge und schreibe weitere Gedanken dazu auf. So schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe: Du kommst ins Schreiben – und die Struktur deiner Biografie ergibt sich quasi von selbst. Das hat was Magisches. 🙂

Und: Sei achtsam mit dir beim Schreiben. Das ist ein ziemlich aufregender, aufwühlender Prozess, bei dem du manchmal auch mit ganz unerwarteten Erinnerungen, Herausforderungen und Emotionen zu tun bekommst. Lass dir Zeit. Bleib trotzdem dran. Und achte genau auf deine Gefühle – sie sind die besten Wegweiser zu den wirklich wichtigen Punkten und Themen in deiner Biografie und in deinem Leben.

Du willst deine eigene Heldenreise leben? Stefan Schwidder lädt am 5.-7. Mai und zum 1.-3. September wieder zum Heldenreisen-Seminar nach Bad Sooden ein. Als Leser von Schreiben wirkt bekommst du mit dem Code „schreibenwirkt“ 10% Rabatt. Mehr Infos zum Seminar

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2 Kommentare

  1. Ich wünschte, es würden viel, viel mehr Menschen ihre persönliche Heldenreise entdecken. Wir lassen uns unser kostbares Leben widerstandlos ersetzen durch normierte künstliche Medienspektakel. Wer im Dschungelcamp Warzenschweinhoden in Madeneiter verzehrt, ist ein Held. Wer in den Augen dieser oder jener Casting-Jury Unterhaltungswert hat, ist ein Held. Dabei ist die Wirklichkeit, die eigene Vergangenheit, vor allem aber auch die eigene Gegenwart, so unendlich viel reicher und origineller. – Wobei ich denke, dass eine Heldenreise nicht in jedem Falle (arche-)typisch enden muss. Sie kann unvermittelt abbrechen oder abgebrochen werden, sie kann auch einfach im Sande verlaufen. Wir sollten bereit sein, dem Leben seine eigene Dramaturgie zuzugestehen, eine möglicherweise chaotische Dramaturgie, die unseren Vorstellungen von „notwendig“ und „sinnvoll“ widerspricht. Das Universum kommt sicher ab und zu ganz gut ohne unsere Deutungen aus.

  2. gedankennomade sagt

    Schönes Interview. Ein Beruf, den ich auch gerne hätte! Ein absolutes Privileg mit Menschen ihre eigene Geschichte zu erarbeiten und zu erschreiben, zu sehen, wie sich sich öffnen und so transofmieren.
    Weiter so Stefan.
    Finde dein Projekt wirklich toll!

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