Spiritualität & Selbsterkenntnis

Zeile für Zeile Abschied nehmen

Daniela Singhal hat das Schreiben genutzt, um die Trauer über den Tod ihres Vaters zu verarbeiten.

Es gibt Momente im Leben, da bricht scheinbar alles zusammen. Momente, in denen uns Schmerz und Traurigkeit schier zu übermannen scheinen. Trennungen gehören dazu. Oder der Tod eines uns nahestehenden Menschen. Wir sind gezwungen, uns mit uns selbst, aber auch mit der Beziehung zum Verstorbenen intensiv auseinanderzusetzen. Wie mich das Schreiben in der Zeit nach dem Tod meines Vaters unterstützte.

GASTBEITRAG VON DANIELA SINGHAL

Früher oder später wird jeder von uns mit dem Thema Tod konfrontiert. Theoretisch ist das den meisten irgendwie bewusst. Doch wenn dann dieser Moment kommt, der uns vor so unwiderrufliche Tatsachen stellt und ein lieber, uns nahestehender Mensch die letzten Atemzüge nehmen muss, dann trifft uns das manchmal sehr viel härter, als wir es jemals erwartet hätten.

So erging es mir zumindest, als mein Vater letztes Jahr starb. Natürlich war da vor allem die Traurigkeit über seinen Verlust. Aber dazu reihten sich noch eine ganze Reihe anderer Gefühle wie Wut, Scham, Angst. Es gibt ein Modell, das den Trauerprozess in vier Phasen einteilt.

Die Phase des chaotischen Gefühlserlebens ist eine davon. Ungeordnet fliegen einem Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf: Tragisches und Komisches, Schuld und Sehnsucht, Liebe und Hass. Lang Vergessenes ist plötzlich wieder präsent; Verdrängtes blitzt auf wie am ersten Tag und oftmals widersprechen sich diese Gefühle. Es gab Momente, da war es mir zu viel. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, mit jemandem über all das wirklich ausgiebig reden zu können. Oder sagen wir es eher so: Ich wollte niemandem zur Last fallen, obwohl es viel Gesprächsbedarf gab. Es gab Momente, da spielte ich mit dem Gedanken, mich durch eine professionelle Trauerbegleiterin unterstützen zu lassen. Dann fing ich an zu schreiben.

Ich hatte vorher lange nicht mehr ohne einen beruflichen Zusammenhang geschrieben. Lange nicht mehr einfach nur so meine Gedanken zu Papier gebracht. Doch wenige Wochen nach dem Tod meines Vaters erschien mir das Schreiben als einzige Möglichkeit, um all das Erlebte in mir zu ordnen, zu verarbeiten. Sein schneller überraschender Tod, all die Formalitäten, die es zu klären gibt, die erneute Konfrontation mit seiner Lebensgeschichte, dem gesamten Familiensystem und noch ungeheilten Geschichten. So etwas gibt es in jeder Familie, in jedem Leben. Und viele von uns sind Meister darin, diese Themen zu umschiffen. Doch der Tod bringt sie meist so klar und deutlich hervor, dass wir keine andere Wahl haben, als uns mit ihnen auseinanderzusetzen.

Also fing ich an zu schreiben. Ohne Plan. Ich ließ es einfach so herausfließen. Manchmal waren es nur ein paar ungeordnete Zeilen, ein Protokoll des Erlebten und Gefühlten. Manchmal brachte ich Erkenntnisse zu Papier und manchmal fügten sich die Worte zu einem Gedicht zusammen. Manchmal schaute ich mir ein Bild aus meiner Kindheit an und schrieb meine Erinnerungen dazu auf.

Die Trauerforschung nennt dies die Phase des Suchens, Findens und Sich-Trennens. Mehrfach reflektierte ich mein eigenes Leben und die Beziehung zu meinem Vater. Einmal schrieb ich auch einen Brief an ihn. Oft musste ich während des Schreibens innehalten und weinen. Und all die Traurigkeit fühlen und den Schmerz. Letztlich fühlte ich mich nach dem Schreiben meist klarer und leichter.

Auch heute, ein halbes Jahr nach seinem Tod, gibt es immer wieder Momente, in denen ich das Schreiben zum Reflektieren nutze. Um die Erinnerungen, die auftauchen, zu würdigen und damit Schritt für Schritt mehr Abschied zu nehmen.

You will die ist ein Text, den ich kurz nach dem Tod meines Vaters geschrieben habe.

Daniela ist Journalistin und Yogalehrerin. Sie schreibt unter anderem für das Online-Magazin Fuck Lucky Go Happy. Wenn dir ihr Artikel gefallen hat, stöbere doch auch durch ihre anderen Texte über Yoga und bewusstes Leben.

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