Spiritualität & Selbsterkenntnis

Zu Gast in der Poesie-Apotheke: Was sagen Sie dazu, Frau Doktor?

Die Poesieapotheke ist ein besonderer Ort. Es wurde allerhöchste Zeit, dass ich mit der Besitzerin Simone Nicklas spreche. Schließlich sind wir beide vom Schreiben fasziniert. Entstanden ist ein Interview über Schreibhürden, Depressionen, die Situation der Schreibtherapie in Deutschland und einiges mehr. Und am Ende habe ich der Frau Doktor noch 5 Schreibübungen aus dem Rezeptblock geleiert. Viel Spaß.

Bevor es losgeht: Wer ist diese Frau Doktor eigentlich? Frau Doktor ist Dr. Simone C. Nicklas. Sie hat die Poesieapotheke gegründet und bietet dort Schreibcoachings- und -mentoring, Schreib-Workshops für Kreativität, Achtsamkeit, Entschleunigung und zur persönlicher Orientierung und Lösungsfindung an. Ehe sich Simone Nicklas zur Schreibtherapeutin hat ausbilden lassen, hat sie sich viele Jahre wissenschaftlich mit Literaturpsychologie beschäftigt.

Frau Doktor, ich hoffe, es ist ok, wenn wir direkt zum Du übergehen. Hier auf Schreiben wirkt sind wir nicht so formell. Einverstanden? Wunderbar…

Simone, du bietest in deiner Poesieapotheke unter anderem individuelle Schreibbegleitungen an. Wie kamst du auf diese Idee?

Die Poesieapotheke habe ich nach meiner Promotion und der anschließenden Poesietherapie-Ausbildung gegründet. Statt mit erkrankten Menschen zu arbeiten, wollte ich meine Erfahrung und meine Leidenschaft für Wörter und Geschichten nutzen, um Menschen eine Art Tool an die Hand zu geben, mit dem sie sich in kreativer Form den Fragen des Lebens widmen können.

Schreiben als therapeutische Unterstützung ist in Deutschland noch recht unbekannt. Wie erklärst du dir das? Wie schätzt du die Situation ein?

Das ist tatsächlich so und ich finde es sehr schade, denn das Schreiben (wie auch das Lesen) ist auch langfristig eine ganz wunderbare Hilfe zur Selbsthilfe. In den USA sind Poetry Therapy und Bibliotherapy weit verbreitet, im Land der Dichter und Denker nicht – seltsam, oder? Woran es genau liegt, kann ich gar nicht sagen. Sicherlich tut sich das therapeutische Schreiben schwer, da es wenige Möglichkeiten zu einer fundierten Ausbildung gibt, somit auch wenige (gut ausgebildete) Therapeuten und kein Verband existiert, der sich für die Verbreitung einsetzt.

Und im Gegensatz zu den USA ist das Wort „Therapie“ in Deutschland noch immer viel zu oft ein Tabuthema und wird gleichzeitig mit „Krankheit“ gleichgesetzt. Aber das Schreiben kann jedem helfen, der eine Antwort auf eine (Lebens-)frage sucht oder mit kreativen Mitteln neue Lösungen finden möchte. Bei psychischen Erkrankungen halte ich es für unerlässlich neben einer Schreibtherapie auch eine Psychotherapie (idealerweise in einer der drei kassenzugelassenen Formen) zu machen.

Was sind aus deiner Erfahrung die 3 häufigsten Hürden für Menschen, die versuchen wollen das Schreiben in persönlichen Krisen oder zur Verarbeitung von Herzensthemen zu nutzen?

  1. Ganz vorne steht auf jeden Fall der Gedanke „Ich kann nicht schreiben, ich war schon früher in der Schule nicht gut in Deutsch.“ Gefolgt von „Ich bin nicht so kreativ“ oder „Ich habe Angst, dass ich keinen Anfang finde“. Das Gute am kreativen und therapeutischen Schreiben ist aber, dass es keine Vorkenntnisse braucht und Rechtschreibung, Grammatik sowie literarische Qualität sind völlig unwichtig – Bewertungen spielen absolut keine Rolle, was als sehr befreiend erlebt wird.
  2. Sich dem Papier gegenüber zu öffnen, fällt den meisten Menschen nicht so schwer. Später über die eigenen Texte zu sprechen oder sie vorzulesen umso mehr. Aber sobald sie merken, dass sie ernst genommen werden und sich verstanden fühlen, ist diese Hürde auch ganz schnell überwunden.
  3. Viele können sich auch nicht vorstellen, dass „so ein bißchen schreiben“ etwas bewirken kann und sind erst skeptisch. Umso schöner ist es, danach in überzeugte Gesichter zu blicken. Schreiben kann nicht nur helfen, sondern auch viel Spaß machen – für mich ist es wichtig, dass es auch eine Kombination aus vielen kreativen und fröhlichen Elementen gibt.

Du hast über “Die Wirkung des Schreibens auf Identität und Erinnerung” promoviert. Versuch doch mal das Unmögliche und fass die Erkenntnisse deiner Dissertation in maximal 5 Sätzen zusammen. Was können wir Schreibaffinen daraus mitnehmen?

Viele denken, unsere Erinnerungen sind im Hirn festgeschrieben, wie die Schrift in einem Buch: Unsere Erinnerungen sind aber flexibel, verändern sich mit der Zeit und je nach Situation. Wenn wir erzählen oder schreiben konstruieren wir unsere Erinnerungen immer wieder neu. Dabei erinnern wir so, dass es zu unserem Selbstbild passt und unsere Identität stabilisiert.

Schreibend können wir mit unseren Erinnerungen bewusst spielen: Sie aufschreiben zur Entlastung oder Sie bewusst umschreiben, ergänzen, Aspekte weglassen, neue Lehren daraus ziehen – das wirkt sich dann positiv auf unseren Seelenhaushalt aus. Oftmals ist es entlastend, macht Ressourcen sichtbar und weist neue Wege.

Du hast dich im Rahmen einer Ausbildung intensiv mit Depressionen und der Wirkung des Schreibens beschäftigt. Was ist das größte Missverständnis, das dazu kursiert?

Ich habe mich vor allem mit der Abgrenzung von Depressionen zu schwierigen Lebenssituationen beschäftigt, die keinen Krankheitswert haben. Depressionen sind zwar noch immer stigmatisiert und es gibt noch viele Vorurteile über diese Erkrankung, aber dennoch wird immer häufiger (medial) jede schwierige Lebenssituation als Depression bezeichnet. Die Begriffe verwässern.

Das größte Missverständnis ist also: Schwierige Phasen im Leben gehören dazu und sind nicht gleich Teil einer Erkrankung. Dennoch kann genau diesen Menschen durch das Schreiben eine echte Entlastung geboten werden. Wer einen Menschen verloren hat und erstmal einen längeren Zeitraum trauert, der ist nicht sofort krank und braucht eine Therapie. Und dennoch darf auch diesem Mensch Unterstützung und Hilfe erfahren, wie durch das Schreiben.

Wie ist überhaupt dein Interesse am Schreiben für persönliches Wachstum entstanden, gab es einen konkreten Anlass?

Seit ich denken kann, habe mir selbst Geschichten ausgedacht, sehr viel gelesen und vor allem auch geschrieben. Rückblickend würde ich sagen, das Schreiben war schon immer mein Kanal, um mich auszudrücken und Gedanken zu sortieren – in guten wie in schlechteren Phasen.

Was mich sehr beeindruckt und sicherlich auch geprägt hat, war die Beschäftigung mit Holocaustliteratur und -überlebenden im Studium. Einige Überlebende erzählten, das Schreiben oder auch das Rezitieren von erinnerten Gedichten oder Texten hätte ihnen geholfen, die Zeit in Konzentrationslagern zu überstehen und/oder danach weiterzuleben. Wenn Menschen, denen sowas Unvorstellbares passiert ist, Worte als hilfreich beschreiben, dann musste etwas dran sein.

Wenn du an die Poesietherapie denkst, welche Wirkung, welche Erkenntnis, welche Tatsache überrascht und fasziniert dich auch heute noch, nachdem du dich nun schon mehrere Jahre mit ihr auseinandersetzt?

Mich fasziniert das Einfach und Wirkungsvolle daran: So ein paar aneinandergereihte Buchstaben und Wörte und können Perspektiven verändern, neue Gedanken entstehen lassen, Mut machen, Trost spenden, Stress nehmen, zum Lachen bringen, zum Handeln anleiten und und und.

Sagen wir, ich habe keine Lust, Tagebuch zu schreiben, bin aber neugierig geworden und will das Schreiben und die Poesie für mich als Ausdrucksweg erkunden. Welche Tipps hast du für den Start?

Kauf dir schönes Papier oder ein Notebook und Stifte, die du gerne in der Hand hälst – das handschriftliche Schreiben gehört unbedingt dazu und soll Spaß machen. Führe deinen Stift übers Papier ohne Nachzudenken – Buchstaben malen oder „blablablabla“ schreiben ist auch völlig o.k. Als Anregung für ein Thema: Nehme dir einen Alltagsgegenstand oder beobachte einen Menschen auf der Straße und schreibe irgendwas darüber – eine Beschreibung, eine Geschichte, deine Empfindungen.

Zum Abschluss: Welches Buch magst du uns empfehlen?

Ich möchte gar kein konkretes Buch empfehlen, sondern den Tipp geben, auch immer mal in der Kinderabteilung einer Bibliothek oder Buchhandlung zu stöbern. Kinderbücher bringen oft große Themen sehr direkt und klar auf den Punkt – ohne alles gleich irrsinnig komplex und schwierig erscheinen zu lassen. Und dennoch regen auch sie zum Nachdenken an.

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