Interview mit Philipp Kroiss: „Durch Schreiben wirfst du in schweren Zeiten eine Menge Ballast ab.“

Wer sind diese Menschen, die sich immer mal wieder zurückziehen, um ihre Gedanken und Gefühle aufs Papier bringen, die sich weiterentwickeln wollen und dafür zu Stift und Papier greifen? Es sind nicht nur die Nerds. Es sind auch Macher. Es sind die, von denen du es nicht vermutest. Ein Beweis ist Volleyballprofi Philipp Kroiss.

Vielleicht hast du auch das Klischee vom etwas nerdigen schlaksigen Typen vor Augen, der sozial ungeschickt durchs Leben geht. Den siehst du abends beim Rotwein in seine Kladde scribbeln. Einen muskulösen Zwei-Meter-Kerl, der als Profisportler die Welt bereist und eine absolute Macherausstrahlung hat, den stellte ich mir jedenfalls nicht vor. Bis ich Philipp Kroiss entdeckt habe.

Philipp hat vor Kurzem den Blog Gedankennomade ins Leben gerufen. Eine der besten  Erweiterungen meiner Leseliste in letzter Zeit. Dass Philipp dem allgemeinen Klischee des Schreibers so krass widersprochen hat, fand ich großartig. Also habe ich beschlossen, ihn für Schreiben wirkt zu interviewen. Damit wir alle noch etwas mehr von unseren falschen Vorstellungen, wer wie was schreibt loslassen können. Viel Spaß und Vorhang auf für Philipp Kroiss…

Hi Philipp, stell dich doch kurz vor. Wer bist du, was machst du?

Hallo Paul. Erstmals danke, dass du an meiner Wenigkeit und meinem Projekt interessiert bist. Wer bin ich? – Ein bald 29-jähriger Österreicher, der sein Geld damit verdient, einem Ball nachzulaufen (und nachzufliegen), gerne über das Leben nachdenkt, fast jährlich seinen Wohnort wechselt, es liebt zu lesen, zu denken und zu schreiben und auf seinem Weg so viele neue Erfahrungen machen möchte, wie nur irgendwie möglich, um zu wachsen als Mensch und Persönlichkeit.

Auf deinem Blog geht es um Lesen, Schreiben und philosophisches Denken. Für einen Profisportler eher ungewöhnliche Themen, oder?

Definitiv ungewöhnliche Themen in unserer Zunft. Leider beschäftigen sich – meiner Meinung nach – viel zu wenige von uns Profis auch noch mit anderen Dingen als dem Sport selbst. Klar brauchen wir mehr Schlaf und Regenerationszeit als andere und in manchen Phasen ist es tatsächlich fast unmöglich, abseits des Trainings, den Spielen und den Reisen auch noch anderen Projekten nachzugehen.

Es mangelt aber bei vielen auch am Willen oder der Neugier, sich neben dem täglichen Geschäft in einem weiteren Bereich fortzubilden.

Ich war da immer schon anders und den Spitznamen „Philosoph“ hatte ich bereits in mehreren Teams inne. Es kommt schon oft vor, dass mich ein neuer Kollege wie einen Außerirdischen anblickt, wenn ich ihm sage, dass ich am Abend noch Kant lesen werde oder über Sokrates blogge.

Ein paar wenige sind dann aber doch interessiert und stellen Fragen, die ich unter anderem mit Lektürevorschlägen beantworte. Schon oft habe ich Bücher für Kollegen bestellt. Es macht mir Freude, andere für meine Leidenschaften zu begeistern.

Wie hast du das Schreiben für dich entdeckt? Gab es einen Schlüsselmoment?

Das war zu Gymnasialzeiten. Ich war 14 oder 15, hatte mir für irgendein Unterrichtsfach ein falsches Heft gekauft. Kariert statt liniert. Das lag dann zuhause ein paar Tage unangetastet auf dem Schreibtisch herum.

In einem Moment der Muße sah ich es an, öffnete es, strich über die leeren Seiten und dachte mir, dass man dieses einsame, zurückgelassene Heft auch füllen sollte.

Ich begann also, die ersten Seiten zu beschreiben. Ich weiß sogar noch worüber: Über den 11.September und wie mich diese tragischen Ereignisse damals bewegt hatten. Von da an schrieb ich öfter in dieses Heft.

Erinnerst du dich an eine Situation, in der dir das Schreiben und Lesen besonders geholfen hat?

Während meiner zweiten Saison in der französischen Bundesliga waren wir an einem mental sehr belastenden Punkt angelangt. Mitten im Abstiegskampf zerbrachen nach und nach die Beziehungen zwischen den Spielern, vor allem am Feld aber auch abseits davon.

Der Druck auf uns wuchs täglich, das Training machte keinen Spaß mehr, vom Vorstand und dem Präsidenten mussten wir so einige Kopfwäschen der unfeinen Art über uns ergehen lassen. Volleyball war zu diesem Zeitpunkt alles, nur keine Leidenschaft mehr.

Da setzte ich mich hin und schrieb einfach einmal eine Stunde lang auf, was ich fühlte und wo genau die Probleme lagen. Danach fühlte ich mich einerseits befreit und war bei der anschließenden Lektüre meines Textes überrascht, auf welche verborgenen feinen Konflikte ich gestoßen war (in der Team-Situation aber auch in meinem Denken), die mir davor so noch nicht bewusst waren. Von da an ging es – zumindest für mich persönlich – wieder steil bergauf.

Hast du eine Schreibroutine und wenn ja, wie sieht sie zurzeit aus?

Philipp KroissDas klingt so, als ob ich täglich schreiben würde. Das ist bei mir aber im Moment nicht der Fall.

Zur Zeit schreibe ich viele Artikel für meinen Blog, der nun mal schön ins Laufen kommen soll. 2014 und 2015 habe ich mit einem Kollegen an einem Volleyballbuch gearbeitet. Eine ganz andere Art des Schreibens.

Davor habe ich über ein halbes Jahr lang praktisch täglich ein „Gedankentagebuch“ geführt, mich also einmal am Tag hingesetzt und es einfach aus mir raussprudeln lassen. Wieder etwas ganz anderes. Solche Texte entstehen auch heute noch, aber nicht mehr so regelmäßig.

Eine richtige Routine habe ich also nicht … Ein Kaffee ist immer dabei. Dann ziehe ich mich zurück und stelle das Handy auf lautlos. Auf Spotify habe ich eine schöne Liste namens „Writing“ gefunden, die mich manchmal während des Schreibprozesses aus Kopfhörern beschallt. Meistens ziehe ich aber pure Stille vor, während ich aktiv bin …

Ein starker Punkt von mir ist, so denke ich, dass ich mich an fast jedem Ort und zu jeder Tageszeit gut konzentrieren und mein Rundherum ausblenden kann. Daher ist eine Routine noch nicht so wichtig für mich. Sobald ich aber – und auch das ist ein Ziel von mir – einmal richtig viel Geschriebenes produzieren möchte, zum Beispiel für einen Roman, werde ich sicherlich auch eine Routine entwickeln.

Stift und Papier oder digital, wie schreibst du? Warum?

Ich mag beides und oft kann ich mich nicht entscheiden. Beim klassischen Schreiben mag ich das Gefühl, wie der Kugelschreiber über das Papier gleitet und das Bild, das aus der Aneinanderreihung meiner handgeschriebenen Worte entsteht. Darüber hinaus erfüllt es mich stets mit Freude und Stolz, wenn ich wieder einmal ein Notizbuch von hinten bis vorne vollgeschrieben habe. Auch macht es Spaß, ein solches irgendwo aufzuschlagen und sich überraschen zu lassen, was man dann zu hören (lesen) bekommt.

Am Schreiben am Laptop mag ich die höhere Geschwindigkeit und dass die Hände sich nicht verkrampfen oder zu schmerzen beginnen bei längeren Ergüssen. Darüber hinaus habe ich hier alles schön in Ordnern abgespeichert und stets als Gesamtpaket zur Verfügung.

Mach doch mal einen kleinen Pitch für alle, die Schreiben und Lesen vor allem mit Deutschunterricht und Noten verbinden und in ihrer Freizeit dem geschrieben Wort höchstens im Facebook Feed begegnen. Warum schreiben?!

Leider ist es sehr schwer bis unmöglich jene, denen Lesen und Schreiben im Deutschunterricht vermiest wurde, noch zurückzugewinnen. Diese wenig optimistische Einsicht mache ich immer wieder.

Dennoch ein kurzer Pitch: Weil dich das Lesen in Welten einführen wird, die du sonst nie kennenlernen würdest und dich in Toleranz so wie Weitsichtigkeit schult und du dich durch das Schreiben nicht nur selber besser verstehen lernen wirst, sondern in schweren Zeiten auch noch eine Menge Ballast damit abladen kannst.

Bei Schreiben wirkt geht es immer mal wieder auch um Bücher, die bei der eigenen Entwicklung unterstützen. Hast du Leseempfehlungen?

Klar habe ich die.

Nachdem ich aber eh schon so viel gesprochen habe, nenne ich nur noch eine. Und zwar das Buch, das mich in den letzten vier Jahren wohl am meisten verändert hat:

Shunryu Suzuki: „Zen Mind. Beginner’s mind.“

Eine leicht verständliche, praktische Einführung in den Zen-Buddhismus mit Sätzen, die sich in Gehirn und den Geist einschweißen. Eine Anregung zum Leben im Moment, zum Zurückschrauben des Egos und zum Entdecken der Nächstenliebe. Auch für Menschen, die mit Religion rein gar nichts am Hut haben.

Vielen Dank Philipp für deine Zeit und ganz viel Erfolg mit deinem Blog Gedankennomade!

 

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