Persönlichkeitsentwicklung durch literarisches Schreiben – 3 Übungen für inneres Wachstum

Ein Gastbeitrag  von Andreas Schuster

Wozu erzählen wir Geschichten? Klar, wir wollen mit ihnen unterhalten oder bestimmte Sachverhalte anschaulich rüberbringen. Doch nicht nur das machen sie möglich – sie können uns auch dabei helfen, uns selbst zu verstehen. So wird das Geschichten-Erzählen zum machtvollen Instrument der Persönlichkeitsentwicklung. Ich möchte dir drei Übungen vorstellen, wie du die Kraft literarischen Schreibens für dein persönliches Wachstum nutzen kannst.

1. Ungelebte Möglichkeiten

Jeden Tag treffen wir Entscheidungen. Unser Lebensweg nimmt die eine oder die andere Richtung. Und jedes Mal, wenn wir uns für etwas entscheiden, entscheiden wir uns gegen etwas anderes. Doch was passiert mit all den ungelebten Möglichkeiten? Was mit all dem, was in uns steckt und nicht Realität wird?

Die Literatur erlaubt es uns, mehrere Leben in einem zu leben. Wenn wir Geschichten erzählen, vervielfachen wir uns. Denk an deinen bisherigen Lebensweg zurück und frage dich, was auch hätte sein können. Nimm einzelne Aspekte deiner Persönlichkeit, die im Alltag wenig zum Ausdruck kommen, und erfinde dich neu.

Wie würde sich dein Leben entwickeln, wenn du deinen Job kündigst und endlich die Strandbar in der Karibik eröffnest, von der du schon seit Langem träumst?

Was wäre passiert, wenn du damals nicht Nein gesagt hättest zu dem Jobangebot aus Singapur?

Wie sähe dein Leben aus, wärst du immer noch mit deinem ersten Freund oder deiner ersten Freundin zusammen?

Schreib die Geschichten dazu so, als wären sie tatsächlich geschehen. Das erweitert deine Vorstellung davon, was dich ausmacht, und all die ungelebten Möglichkeiten bekommen einen Ort, an dem sie Wirklichkeit werden. Literatur ist nicht das, was ist, sondern das, was sein könnte.

2. Die Stimmen in dir

Wir Menschen sind keine einfache Einheit, sondern tragen unterschiedliche Seelen in unserer Brust.

Um einen Zugang zu deinem Inneren zu erlangen, ist es hilfreich, an Situationen zu denken, in denen du an dir zweifelst. Bei welchen Aspekten deines Lebens bist du nicht vollkommen mit dir im Reinen?

Bei Themen, die uns aufwühlen, gibt es meist einen vielstimmigen Chor in unserem Kopf. Horche in dich hinein: Was hörst du? Notiere dann die einzelnen Stimmen, die du vernimmst.

Ein Beispiel: Du hast Lust dich beruflich weiterzuentwickeln. Zugleich hast du jedoch Angst davor, die Sicherheit deines aktuellen Jobs aufzugeben. Wenn du nun in dich hineinhörst, sind da unter anderem folgende Stimmen zu hören:

  • A: „Kündige am besten morgen, dann bist du deinen Chef endlich los!“
  • B: „Eigentlich ist doch alles halb so schlimm, immerhin weißt du mittlerweile ganz gut, wie der Laden läuft.“
  • C: „Wenn du etwas Neues beginnst, wirst du dir selbst endlich gerecht. Du wolltest doch schon lange etwas Kreatives machen. Jetzt ist deine Chance!“
  • D: „Was ist mit deinen Kollegen? Du wirst sie vermissen. Du solltest nicht so plötzlich alles hinschmeißen, sondern erst, wenn du etwas Neues gefunden hast.“

Diese Liste ließe sich sicherlich noch erweitern.

Wenn du einige Stimmen identifiziert hast, gib ihnen Namen. In unserem Beispiel wären das:

  • A: Rudi, der Wildentschlossene
  • B: Oskar, das Gewohnheitstier
  • C: Max, der Selbstverwirklichungsfreak
  • D: Carsten, der Soziale

Du hast jetzt eine Reihe ganz unterschiedlicher Figuren. Jede von ihnen repräsentiert einen Anteil deiner Persönlichkeit. Zusammen bilden sie eine Art inneres Team. Dies kannst du für Geschichten nutzen, die dich wirklich persönlich voranbringen.

Nimm die Figuren, die du gefunden hast, und setze sie in ein Verhältnis zueinander. Das so entstehende Muster sollte zu den Figuren passen.

Zurück zu unserem Beispiel: Stellen wir uns vor, die Figuren sind das Führungsteam einer Firma. Gerade steht die große Frage an, wo es mit dem Unternehmen hingehen soll…

Hören wir also, was die einzelnen Teammitglieder so sagen:

Rudi ist wild entschlossen, dass die Firma mit einem Konkurrenten fusionieren sollte, um gemeinsam an die Börse zu gehen.

Oskar will das um jeden Preis verhindern, denn er sieht den Erfolg der Firma gefährdet.

Max hingegen ist es ziemlich egal, wie es weitergeht, Hauptsache, das Unternehmen übernimmt seine Imagekampagne. Allerdings gerät er mit diesem Wunsch in Konflikt mit den anderen, vor allem jedoch mit Carsten, dem Sozialen.

Carsten kann Max‘ Kampagne nicht ausstehen, da sie auf die niederen Bedürfnisse der Kunden abzielt. Carsten ist enttäuscht, doch hält noch immer den Laden zusammen. Ohne ihn wäre wahrscheinlich alles längst in die Brüche gegangen.

Die Figuren stehen in diesem Muster in einem Konflikt zueinander. Wir brauchen nur eine schwierige Situation vorzugeben – hier die drohende Fusion der Firma – schon ergibt sich fast wie von alleine eine Geschichte.

Indem die Figuren auf unserer Persönlichkeit beruhen, haben wir so eine kreative Möglichkeit geschaffen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen.

Schreib also die dazu gehörende Geschichte. Manchmal kann sie dir sogar dabei helfen, wichtige Entscheidungen zu fällen, indem sie dir etwas über deine inneren Konflikte verrät.

3. Erzählen statt Grübeln

Die wirklich wichtigen Fragen des Lebens lassen sich meist nicht abschließend beantworten. Häufig wird dies der Philosophie, die sich mit diesen Fragen beschäftigt, zum Vorwurf gemacht. Zu unrecht.

Bei den großen Fragen des Lebens – etwa bei der Frage nach dem Sinn – geht es nicht darum, eine einzige richtige Antwort zu finden. Es gibt Bereiche im Leben, die sich nicht durch ein einfaches Ja oder Nein entscheiden lassen. Es geht nicht darum, ein Rätsel zu lösen. Stattdessen sollte man versuchen, das Rätsel in all seinen Facetten zu beleuchten.

Literarische Texte sind für eine solche Auseinandersetzung besonders geeignet. Denn eine Geschichte lässt sich unterschiedlich interpretieren, ohne dass dies beliebig sein muss. In der Literatur ist die übertragene Bedeutung der bildhaften Elemente, das Uneigentliche, mindestens genauso wichtig, wie das, was eigentlich da steht. Der Sinn einer guten Geschichte erschließt sich meist zwischen den Zeilen.

Diese Qualität literarischer Texte macht das Lesen von Literatur so besonders. Doch auch für das Schreiben unserer eigenen Geschichte ergibt sich daraus ein besonderer Zugang, der uns aus dem Grübeln befreien kann.

Hast du z.B. schon einmal eine Geschichte über das Glück geschrieben?

Oder über die Endlichkeit des Lebens?

Oder über das Wesen der Liebe?

Um ins Schreiben zu kommen, kannst du dir Teile des Textes bereits vorgeben. Schreib also z.B. als Titel:

– Wie (…) das Glück fand.

– (…) entdeckt die Liebe

– Als (…) unsterblich wurde

Schreib nun eine kurze Geschichte, die zu dem Titel passt. Es muss kein Meisterwerk sein, du kannst ruhig aufschreiben, was dir zuerst in den Sinn kommt.

Oder gib dir einen Schlusssatz vor. Schreib nun eine Geschichte, die genau auf dieses Ende zuläuft, und lass dich überraschen, was für ein Text so entsteht. Mögliche Enden könnten z.B. sein:

– (…) Und so fand Torben das Glück.

oder:

– (…) Und seitdem hat Anna eine Ahnung, was Sinn des Lebens bedeutet.

Beim Schreiben eröffnest du so einen Zugang zu den Grundsatzfragen unserer Existenz, ohne lange nachgrübeln zu müssen. Dies ist eine elegante Weise, sich mit den eigenen Ansichten und Werten auseinanderzusetzen.

Das Geschichtenschreiben ermöglicht dir also eine neue Begegnung mit dir selbst. Es versetzt dich in die Lage, Zugang zu tieferen Schichten deiner Persönlichkeit zu erlangen. Dein Verständnis von Sinn, Glück oder Liebe findest du dann zwischen den Zeilen.

Fazit

Geschichten schreiben, um die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln – Das geht auf ganz unterschiedliche Weise. Wir können bei unseren Erfahrungen und Wünschen ansetzen und diese beim Schreiben in die Form einer Geschichte gießen. Wir können auch von unseren unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen ausgehen und aus ihnen die Figuren unserer Geschichte formen. Oder wir nehmen uns die grundlegenden Fragestellungen menschlichen Daseins vor. Dann nähern wir uns unseren tiefliegenden Überzeugungen von Liebe, Glück und Lebenssinn, indem wir Geschichten erfinden.

Dies sind nur drei Möglichkeiten von vielen. Am hilfreichsten ist es, sie nach und nach auszuprobieren, da jeweils unterschiedliche Aspekte der eigenen Persönlichkeit im Fokus stehen. So nutzt du die Macht literarischen Schreibens am effektivsten um deine Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Was hältst du von den Übungen?

Hast du Erfahrungen mit literarischem Schreiben zur Persönlichkeitsentwicklung?

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Andreas Schuster

Andreas Schuster

Andreas Schuster bloggt auf schreiben-und-leben.de über das Schreiben. In seinem kostenlosen E-Book findest du auf über 60 Seiten wertvolle Tipps erfolgreicher Autoren für dein eigenes Schreiben.

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