Profi-Talk: 10 Fragen an Paul Bokowski, Autor, Brauseboy und Literaturphänomen

Wie finde ich in Schreibflow? Welche Tools können mir beim Schreibprozess organisieren helfen? Und was tun bei Schreibblockaden? Egal, ob Hobbyschreiber oder Bestsellerautor, diese Themen begegnen jedem, der schreibt. In dieser Interviewreihe teilen erfolgreiche Autoren ihre Routinen, geben Tipps und erzählen von ihrem Weg zur Veröffentlichung.

Bei Schreiben wirkt geht es nicht in erster Linie darum, Schreibtechniken zu lernen, um zum Bestseller-Autor zu werden, aber ich bin überzeugt, von den Erfahrungen anderer Autoren kann jeder Schreibende profitieren. Und wer freut sich nicht, wenn seine Texte veröffentlicht werden. Also holen wir uns Tipps und Inspiration von Profis. Vorhang auf für unseren ersten Autor…

Paul Bokowski (34) ist vor 13 Jahren zum Studium nach Berlin gezogen. Vor zwei Jahren erschien bei Goldmann sein erstes Buch, ein Kurzgeschichtenband mit dem Titel “Hauptsache nichts mit Menschen” und letztes Jahr sein zweites Werk “Alleine ist man weniger zusammen” bei Manhattan. Seine satirischen Alltagsbeobachtungen kamen und kommen bei Lesern und Kritikern extrem gut an, so gut, dass bereits ein dritter Kurzgeschichtenband in Arbeit ist. Da ich großer Fan kurzer Texte bin, war es nur logisch mit meinem Namenskollegen Paul in die Interviewreihe zu starten.

1. Paul, wie war dein Weg zur ersten Veröffentlichung? War das eher ein Sprint oder ein Marathon?

Das war nichts, was über Nacht passiert ist. Die erste Veröffentlichung ist oft ein Marsch durch die Institutionen. Das war bei mir nicht anders. Im Studium habe ich die Berliner Lesebühnen für mich entdeckt. Autorenkollektive, die wöchentlich oder monatlich vor Publikum satirische Texte vortragen. Nach einigen Gastauftritten wurde ich 2008 festes Mitglied im Ensemble der Weddinger Lesebühne ‚Brauseboys‘.

Hauptsache nichts mit Menschen von Paul Bokowski

Hauptsache nichts mit Menschen von Paul Bokowski

Auch bei den anderen Lesebühnen folgten Auftritte, so dass langsam der Gedanke in mir aufkam, das Schreiben zu meinem Beruf zu machen. Vor vier Jahren ist schließlich ein Berliner Kleinverlag namens Satyr auf mich zugekommen. So ist mein erster Kurzgeschichtenband „Hauptsache nichts mit Menschen“ entstanden. Zu unserer großen Überraschung war die erste Auflage nach nur fünf Wochen vergriffen. Ein gutes Jahr später hatten wir acht Auflagen verkauft. Ein großer Erfolg für einen winzigen Indie-Verlag.

Durch den Erfolg des ersten Buches, die regelmäßigen Auftritte, aber auch durch literarische Nebentätigkeiten war es mir mittlerweile möglich geworden, meinen Lebensunterhalt durch das Schreiben zu bestreiten.

Nach dem Erfolg der Originalausgabe bot ein Literaturagent die Lizenz meines Buches mehreren großen Verlagshäusern an. Sprich das Recht, mein Buch als Taschenbuchausgabe auf den Markt zu bringen. Und tatsächlich war das Interesse riesig! Schlussendlich war es der Goldmann Verlag aus München, der den Zuschlag erhielt. Im Januar 2014 erschien dort die Lizenzausgabe von „Hauptsache nichts mit Menschen“. Achtzehn Monate später erschien mein zweiter Kurzgeschichtenband: „Alleine ist man weniger zusammen“. Dank der Bücher und meinen doch recht zahlreichen Auftritten bin ich mittlerweile finanziell unabhängig genug, um mich auch ohne journalistische Nebentätigkeiten zu finanzieren.

2. Beschreibe deinen Schreibflow? Wie, wann, wo schreibst du am produktivsten?

Ich schwöre auf Routine. Deshalb habe ich mir vor einigen Jahren feste Arbeitszeiten auferlegt. Zwei Kreativblöcke von je drei Stunden. Einer am Vormittag. Einer am frühen Abend. Dazwischen ist Zeit für Mittagsessen, Freizeit, Bürokratie und Nickerchen.

Ich habe zwei getrennte Schreibtische um die kreativite Arbeit von allem anderen zu trennen. Die Kreativblöcke laufen ähnlich ab: Am Anfang lese ich, was ich am Vortag oder Vormittag geschrieben habe. Das hilft mir, in meinen eigenen Schreibstil und die Stimmung der jeweiligen Geschichte zurückzufinden. Wenn sich kein rechter Flow einstellen will, widme ich mich dem Überarbeiten. Das verhindert Frustration und mit etwas Glück baut sich genügend Konzentration und Inspiration auf, um ganz fließend in die neue Textarbeit überzugehen.

3. Auf welche Tools rund ums Schreiben möchtest du nicht mehr verzichten?

Ich arbeite digital, aber altmodisch. Mir genügt eine reduzierte Version von OpenOffice. Alles unnötige ist dabei ausgeblendet. Wenn ich unterwegs bin, habe ich meistens ein iPad mit externer Tastatur zu Hand. Das klassische Schreiben, mit Papier und Füllfederhalter, ist zumindest in meinem Falle extrem selten geworden.

4. Wie sieht es mit anderen Hilfsmitteln aus?

Wenn es um die Bewältigung der alltäglichen Aufgaben geht, finde ich To-Do-Listen sehr hilfreich. Ich habe vor knapp zwei Jahren damit angefangen. Sie sind ein gutes Mittel, um den Arbeitstag zu strukturieren und so sinnvoll wie möglich voran zu treiben. Der Körper reagiert sehr positiv auf das Erfüllen oder Erledigen von Vorhaben und Tätigkeiten. So klein sie auch sein mögen.

Worauf ich beim kreativen Arbeiten nicht mehr verzichten wollen würde, sind Post-Its. Hier sammle ich Formulierungen, Titel für mögliche Geschichten, manchmal sogar erste Sätze oder Ideen für spätere Projekte. Und ich halte sie präsenter als es ein Notizbuch könnte.

Bokowski_presse05_©privat

5. Wo findest du die besten Ideen?

Mein größter Quell der Inspiration ist das Alltägliche. Natürlich wird das meiste literatisch überhöht. Aber nahezu alle meine Texte bauen auf tatsächlichen Erlebnissen auf.

6. Dein bestes Mittel gegen Schreibblockaden?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, die Blockade zu respektieren. Quälen bringt nichts. Wenn es über einen längeren Zeitraum nicht voran geht und sich darüber eine Frustration einstellt: Innehalten! Aussteigen. Rausgehen. Urlaub oder Sport machen. Kopf und Körper die Pause geben, nach denen beide verlangen. Und diese Ruhepausen, auch wenn sie Tage dauern, nicht durch ein schlechtes Gewissen eintrüben. Wer kreative Leistungen erbringt, sollte sich das Zugeständnis machen, dass regelmäßige Schaffenspausen unabdingbar sind.

7. Wie gehst du mit Selbstzweifeln (beim Schreiben) um?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Selbstzweifel einen eher symptomatischen Charakter haben. Die eigentliche Erkrankung dahinter ist oft etwas anderes. Ein Zustand der Entkräftung beispielsweise oder aber auch nur eine heimtückische Form der Prokrastination. Erst wenn ich mir des eigentlichen Problems bewusst bin, vermag ich sinnvoll darauf zu reagieren. In zwei von drei Fällen besteht die Lösung darin, die Zähne zusammenzubeißen und ungeachtet aller Zweifel weiterzuarbeiten.

8. Welche Rolle spielt Feedback, vor allem das anderer Autoren? Wie holst du dir das?

 

Alleine ist man weniger zusammen von Paul Bokowski

Alleine ist man weniger zusammen von Paul Bokowski

Eine Kollegin von mir veranstaltet regelmäßig einen literarischen Salon. Dort tragen sich befreundete Autoren gegenseitig ihre neuen Texte vor. Eine vertrauensvolle Umgebung, in der kritisch, aber wohlwollend und aufrichtig über die eigenen und fremden Texte gesprochen und diskutiert wird. Derartige literarische Zirkel haben nicht ohne Grund eine lange Tradition.

9. Woran erkennst du, ob ein Text von dir gut ist?

Natürlich gibt es bereits im Entstehungsprozess eine gewisse Vorahnung. Wenn mich mein eigener Text berührt oder erheitert, dann weiß ich: Ich bin auf dem rechten Weg. Darüber hinaus verfüge ich über den großen Luxus, meine neuen Texte nahezu wöchentlich bei meinen regelmäßigen Lesungen ausprobieren zu können. Und kaum ein Feedback ist schonungsloser als das eines zahlenden Publikums.

10. Schreiben, um persönlich zu wachsen – Was ist deine Erfahrung, wie hat dich das Schreiben verändert?

Wer autobiografisch schreibt, der reflektiert und kann daher, zumindest meiner Meinung nach, ein persönliches Wachstum gar nicht aufhalten. Bei mir hat sich vor allem die Erkenntnis gefestigt, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Ich erlebe eine Form der Zufriedenheit, der viele in einem normalen Bürojob wohl leider nur sehr sporadisch begegnen. Zudem hat das Schreiben meine Beobachtungsgabe geschult. Meine Wahrnehmung ist schärfer geworden. Über allem schwebt nun der Gedanke, was von dem erlebten literarisch verarbeitet werden könnte. Da gilt es aber auch sehr darauf zu achten, im Alltag nicht vollständig in eine distanzierte Beobachterrolle abzugleiten.

Eine weitere Veränderung, die sich eingestellt hat, ist sicher meine Selbstdisziplin. In diesem Sinne hat mir das Schreiben geholfen, erwachsen zu werden.

11. Wenn du nur einen Tipp geben dürftest, was man tun kann, wenn man besser schreiben können will, wie würde der lauten?

Schreiben ist Handwerk. Es muss geübt und trainiert werden. Durch beharrliches Lesen und Schreiben. Natürlich kann auch Feedback von außen hilfreich sein. Aber im Kern geht es um das Tun. Das tätig werden. Jungen Anfängern würde ich Schreibwerkstätten empfehlen. Die gibt es in jeder größeren Stadt und sie sind ein guter Einstieg in Theorie und Praxis. Aber auch hier wird das große Fazit sein: Schreiben, schreiben, schreiben.

12. Das beste Buch übers Schreiben?

Auerhaus von Bov Bjerg

Auerhaus von Bov Bjerg

Besonders zu Beginn fand ich Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben von Roy Peter Clark & Kerstin Winter sehr hilfreich. Oft höre ich auch von Fritz Gesing und seinem Buch Kreativ schreiben. Handwerk und Techniken des Erzählens

Auerhaus von Bov Bjerg

13. Hast du noch einen anderen literarischen Geheimtipp für uns?

Wer das Englische nicht scheut, dem würde ich Let’s pretend that never happened von Jenny Lawson empfehlen. Ein extrem lustiges Buch! Auch wenn der Blog-ähnliche Stil nicht jedermanns Sache sein dürfte. Das beste Jugendbuch des Jahres ist zweifelsohne Mädchenmeute von Kirsten Fuchs. Und wenn es um stilistische Glanzlichter für Erwachsene geht, würde ich Robert Seethaler empfehlen oder natürlich Auerhaus von Bov Bjerg.

14. Woran schreibst du gerade? Was sind deine nächsten Schreibprojekte?

Ich schreibe recht beständig neue Kurzgeschichten für meine Lesebühnenauftritte. Deshalb wird es früher oder später einen dritten Geschichtenband geben. Voraussichtlich im Herbst nächsten Jahres. Und wer weiß: Vielleicht versuche ich mich danach an meinem ersten  Roman. Dem humorvollen Genre will ich aber unbedingt versuchen treu zu bleiben.

Paul, danke für das Gespräch und die Einblicke ins Autorenleben.

 

Links

Flattr this!

1 Comment Profi-Talk: 10 Fragen an Paul Bokowski, Autor, Brauseboy und Literaturphänomen

Kommentar verfassen