Wir brauchen unser eigenes Talimpopo

Ein Mädchen steht auf dem Marktplatz eines kleinen afrikanischen Dorfs. Was dann passiert, kann uns inspirieren, unser Leben neu zu denken. Sie hat eine besondere Bitte.

Diese Szene stammt aus dem Buch “Safari des Lebens” von John Strelecky. Ohne das gesamte Buch zu spoilern, geht es in dieser Szene darum, dass das Mädchen auf dem Weg ist, ihre Big Five for Life zu leben.

Was sind die Big Five for Life?

Bei diesen Big Five geht es – so das Buch – um die 5 Dinge, die du in deinem Leben unbedingt erleben möchtest. Das können private und berufliche Ziele sein, kleine Erfahrungen oder verrückte Abenteuer. Hauptsache, sie bringen dein Herz zum Hüpfen. Du kannst dir die Big Five auch als eingedampfte Bucket List vorstellen, auf der nur die allerwichtigsten Herzenswünsche und Visionen stehen.

Kennst du deine Big Five for Life?

Ich lade dich ein, dir jetzt, ja genau jetzt, die Zeit zu nehmen, um deine Big Five aufzuschreiben. Mach es ganz intuitiv in einer Schreibmeditation. Vielleicht ist deine Intuition etwas schweigsam. Dann trage die Frage in der nächsten Zeit in deinem Bewusstsein, damit sich die Antworten nach und nach herauskristallisieren können. Es kann hilfreich sein, wöchentliche Schreibzeit zu reservieren, um in der Hektik des Alltags der eigenen inneren Stimme Gehör zu verschaffen. Du wirst erstaunt sein, was im Laufe weniger Wochen auf dem Papier sichtbar wird!

Ich mag die Grundidee der Big Five, aber wenn du nicht auf fünf Ziele kommst, sondern auf zehn oder drei, dann kann dein Leben trotzdem super werden. Wenn du gerade nicht weißt, was deine fünf großen Wünsche oder Ziele sind und dich das auch nicht sonderlich interessiert, weil du im Moment glücklich bist, dann wunderbar. Mach genau so weiter. Und wenn du nicht mehr zufrieden mit dieser Ziellosigkeit bist, dann ist dein Abenteuer gerade herauszufinden, was dein Herz lebendig werden lässt. Aber das als Randnotiz. 

Wie du deine Big Five for Life in die Realität umsetzt

Wenn du deine Big Five for Life gefunden und aufgeschrieben hast (ja, aufschreiben ist wichtig!), dann ist der nächste logische Schritt: Du machst dich auf den Weg, deine Big Five wirklich zu (er-)leben. Einen nach dem anderen.

  • Vielleicht willst du mit Delfinen im Ozean schwimmen
  • Vielleicht willst du ein erfolgreiches Unternehmen gründen
  • Vielleicht möchtest du nach Kanada auswandern
  • Vielleicht möchtest du eine Familie gründen und ein Haus bauen

Egal, was es ist. Wähle intuitiv, welches Ziel du zuerst ansteuern möchtest. Denn Energie, deine eigene und die anderer Menschen, die mit dir interagieren, folgt deinem Fokus. Dein Fokus macht dich handlungsfähig, er strahlt aus und erhöht deine Chancen für glückliche Zufälle. Glaubst du nicht? Vielleicht bist du kein Freund vom Gesetz der Anziehung. Völlig ok. Denn du solltest in jedem Fall nachhelfen und nicht einfach die Hände in den Schoß legen und warten, dass das Universum dir dein Ziel in Eigenarbeit erfüllt.

Wie dir ein Talimpopo bei der Erreichung deiner Ziele helfen kann

Zurück zum Mädchen auf dem Dorfplatz im afrikanischen Hinterland. Sie steht dort, weil eine befreundete ältere Frau, die eine Art Mentorin ist, alle Einwohner des Orts zu einem Talimpopo eingeladen hat. Worum.geht es dabei?

Dahinter steht eine sehr einfache und doch so geniale Idee: Das Mädchen nutzt die Gelegenheit, um ihre Ziele zu teilen und fragt, wer sie beim Erreichen unterstützen kann. Sie sucht bei diesem feierlichen Anlass ihre Wers. 

Wer, so werden im Buch die Menschen genannt, die schon erreicht haben, was wir erreichen wollen. Wir alle brauchen Vorbilder. Natürlich müssen wir nicht unbedingt persönlich mit einem Menschen in Kontakt treten, um uns von seinen Ideen und Strategien etwas abzugucken und uns inspirieren zu lassen. Blogs, Online-Kurse und Bücher öffnen uns die Türen in die Gedankenwelt erfolgreicher Menschen.

Wobei ich Erfolg hier sehr weit verstehe im Sinn von “Hat etwas erlebt, was ihn erfüllt, was er oder sie angestrebt hat”. Kaum hat das Mädchen ihre Big Five genannt, melden sich die ersten Dorfbewohner und erzählen von ihren Erfahrungen und laden sie ein, sie zu begleiten auf ihrem Weg.

Einladung zum Talimpopo 2.0

Leider gibt es in der Realität weder in Afrika ein Talimpopo noch hier in unseren Breitengraden. Dabei hätten wir es dringend nötig. Denn das ist wahr: Die persönliche Begleitung von jemandem, der dir ein paar Schritte voraus ist, ist unbezahlbar.

Nenn es Mentoring. Nenn es Coaching. Nenn es Freundschaft.

Es ist egal, in welchem Kontext diese Beziehung dann stattfindet. Hauptsache, sie findet statt. Was ich aber aus persönlicher Erfahrung weiß: Oft ist es gar nicht so einfach, in diesen persönlichen Kontakt zu kommen, wenn die eigenen Wünsche und Visionen so völlig anders sind als das, was das eigene Umfeld einem gerade bietet. Und das obwohl wir heute durch das Internet so hypervernetzt sind und jedes Wissen eigentlich nur wenige Klicks entfernt ist.

Aber Wissen ist eben nicht persönliche Begegnung, persönlicher Austausch und Begleitung.

Ich lade dich ein, dir dein eigenes Talimpopo zu kreieren. Das Vorgehen ist simpel, aber nicht einfach. Die Magie des Talimpopo entsteht durch öffentliches Fragen. Darin liegt die Kraft. Was erstmal banal klingt, braucht ziemlich viel Mut.

Hast du dich schon mal hingestellt und öffentlich deine sehr persönlichen Wünsche und Ziele geäußert? Und nicht nur das – Hast du dann auch noch nach Unterstützung gefragt? Genau das ist aber der erste große Schritt, um deine Big Five zu leben.

Wenn du bereit bist, geht’s los…

  1. Wer definieren: Mach dir klar, wie dein Wer sein und was er/sie können soll.
  2. Marktplätze suchen: Das Talimpopo lebt davon, dass du deine Ziele mit deinem erweiterten Netzwerk teilst. Das kannst du offline machen, indem du im Freundeskreis von deinen Zielen berichtest und ganz klassisch fragst, ob jemand jemanden kennt (das ist recht nah an der Idee des Talimpopo im Buch) oder du gehst den digitalen Weg und gibst deine Frage in ein soziales Netzwerk, in dem du aktiv bist.Wichtig: Frag nicht nach einer langfristigen Begleitung oder einem Mentor, sondern gezielt und/oder nach einem einzelnen Erfahrungsteilen. Dann heißt es warten und sich überraschen lassen.
  3. Wer kennenlernen: Wenn du Rückmeldung erhältst von Menschen, die ihr Wissen und ihre Erfahrung mit dir teilen und dich unterstützen möchten, lass ihn oder sie nicht lange warten, sondern such zeitnah den Kontakt.

Sei dir dabei bewusst, dass dir jemand gerade ein großes Geschenk macht. Er schenkt seine Zeit und ist bereit, sein Wissen, seine Kontakte und sein Können zu teilen.

Sei offen, aber kritisch. Merkst du, dass die persönliche Ebene nicht stimmt, dann tu deinen Zielen und dir den Gefallen und suche lieber weiter. Niemand sagt übrigens, dass du nur einen Wer in deinem Leben haben musst. Im Gegenteil.

Wir haben alle viele Wers.

Manche sprechen wir öfter, von manchen lernen wir nur aus Büchern, auch wenn es hier um die persönlichen Wers, die physisch in unserem Leben sind, weil sie  in kurzer Zeit die größte Wirkung haben.

Moderne Marktplätze für dein Talimpopo

Wenn du aus deinem Freundes- und Bekanntenkreis online wie offline keine hilfreichen Rückmeldungen erhältst, auch das wird es geben, dann hier ein paar persönliche und völlig subjektive Empfehlungen, um doch noch einen Marktplatz für dein Talimpopo zu finden:

1 Expedition Sinn: Ein Netzwerk von Menschen, die ihren Sinn finden und sinnerfüllte Arbeit tun wollen. Es finden co-kreative Aktionen und Veranstaltungen in kleinem Kreis statt, in dem du intensiv auf deinem Weg unterstützt wirst. Ich habe selbst teilgenommen und der Workshop hat mir (mehr als nur) einen wunderbaren Wer geschenkt. Außerdem kannst du die Facebookgruppe nutzen, um auch Zwischendurch und digital Unterstützung und Austausch zu finden.

2. Human Trust: Wer kontinuierliche Begleitung und (auch) Wers für nicht-berufliche Ziele sucht, findet im kostenpflichtigen Format des Human Trust einen spannenden Ausgangspunkt.  Zwar bleibt die Unterstützung hier vorwiegend virtuell, aber es existieren auch einige Offline-Treffpunkte und du kannst jederzeit selbst einen Treffpunkt gründen. Definitiv sind hier ganz viele Menschen versammelt, die sich gegenseitig auf dem Weg in ein besseres, bewussteres und glückliches Leben unterstützen wollen. Ich selbst bin seit Kurzem Trustie und kann es dir nur empfehlen.

3. KarmaKreis: Eine wunderbare Initiative von Pierre Lischke aus Berlin. Dort hat er bereits viele KarmaKreise organisiert. Wenn du zu weit entfernt wohnst, dann gründe einfach selbst einen. Pierre hat eine kostenlose Anleitung für Organisatoren erstellt.

Ein Gegenentwurf zum modernen Netzwerken

Das Talimpopo scheint ein Gegenentwurf zu dem im Businesskontext propagierten Netzwerkansatz zu stehen, nachdem der Suchende sich gezielt Mentoren bzw. Influencer heraussucht und dann versucht, immer wieder Mehrwert zu geben, bis der potenzielle Mentor seinerseits Interesse aufbaut und/oder sich verpflichtet fühlt, auf den hartnäckig Schenkenden näher einzugehen. Im besten Fall entsteht so und nach und nach eine für beide Seiten nützliche Beziehung.

Was das Talimpopo für mich bemerkenswert macht:

1. Das Talimpopo hebelt das Reziprozitätsprinzip aus. Wer geben will, gibt. Ohne Erwartung auf Gegenleistung: Vielmehr scheint die Überzeugung zugrunde zu liegen, dass das Leben ein Kreislauf ist, in dem jeder einmal in der Rolle des Bittenden und Suchenden ist und jeder auch einmal in der Rolle des Gebenden und jeder seine Rolle zu gegebener Zeit ganz natürlich aus intrinsischer Motivation heraus ausfüllt.

2. Was das Talimpopo auch von mancher Networking-Veranstaltung unserer Tage unterscheidet: Hier fürchtet niemand den Erfolg des anderen, sondern jeder öffnet seinen Erfahrungsschatz, in dem Bewusstsein, dass durch dieses freie Geben alle profitieren. Aus meiner Sicht ist es an der Zeit, dass wir Menschen vom Konkurrenzdenken wegkommen. Vom Mangeldenken. Hin zu einem Bewusstsein von Co-Kreativität und Verbundenheit.

3. Sinnsuche ist kein Einzelabenteuer: Bei vielen Menschen, die sich aufgemacht haben, ein erfülltes und erfolgreiches Leben zu führen, bemerke ich eine gewisse Selbstabsorbtion in der eigenen Mission. Der Alltag wird optimiert, jede freie Minute wird genutzt, Kontakte werden aufgebaut und gepflegt – alles, damit der eigene Sinn ins Leben kommt, damit die Welt vom eigenen Purpose profitieren kann und ein besserer Ort wird.

Man arbeitet „busy“ an seinen Zielen und vergisst dabei, sich für seine Mitmenschen zu interessieren, die vielleicht den ein oder anderen Türöffner bereit halten. Sprich über deine Wünsche. Sonst kann dir niemand helfen. Das Talimpopo findet nicht ohne Grund im eigenen Heimatdorf statt. Man hat verstanden: Das direkte Umfeld zählt. Weniger verbissene Selbstoptimierung und mehr Austausch kann den Unterschied machen.

4. Ein besonderes Ereignis: Wenn du jetzt direkt losgehen willst, um deine Wers zu finden, dann vergiss nicht, dass ein  Talimpopo ein besonderes Ereignis ist. Wünsche bespricht man nicht mit jedem an jeder Ecke.

Niemand will ständig von deinen Zielen hören. Jeder hat seine eigene Agenda und das ist ok.

Aber deine Big Five haben es verdient, dass sie von Menschen gehört werden, die aufmerksam und bereit sind, sich mit ihnen wirklich auseinanderzusetzen. Beschütze deine Big Five und achte darauf, dass der Kontext ein angemessener ist, wenn du um Unterstützung für deine Ziele bittest.

Welche Fall lauern, wenn du deine Big Five verfolgst

Es ist großartig, wenn Menschen ihre Berufung, ihre Leidenschaft – oder eben ihre Big Five gefunden haben. Wenn du zu diesen Menschen gehörst, mach bitte nicht einen Fehler, den ich immer häufiger bei Menschen bemerke, die voller Begeisterung und Engagement ihre Ziele verfolgen, daran arbeiten ihre Träume zu leben oder ihren Sinn zu verwirklichen. Die Bezeichnungen variieren, aber du bekommst hoffentlich die Idee.

Diese Menschen gehen auf in dem, was sie tun. Sie wollen häufig nicht nur sich selbst Gutes, sondern auch die Welt mit ihren Talenten bereichern. Das ist großartig. Wir brauchen mehr solcher Menschen. Oft stelle ich aber fest, dass diese Menschen Scheuklappen entwickeln.

Statt den Menschen ihr Talent und ihre Begeisterung schenken, die in ihrem direkten Umfeld sind und ihre Empathie, ihre Liebe und ihre Menschlichkeit brauchen könnten, sind die Sinnverwirklicher auf ihre Mission fokussiert.

Ziele sind ein zweischneidiges Schwert. Sie können dich daran hindern, das Hier und Jetzt zu leben, das Leben zu genießen und auch bereits im Moment dein ganzes Sein zu teilen. Du musst nicht erst ein Ziel erreichen, um ein tolles Leben zu führen. Die Magie liegt im Moment. Du musst nur genau hinsehen.

Es ist eine Kunst, die Achtsamkeit für den Moment und die eigenen Big Five zu balancieren. Aber bereits beim Versuch entsteht ein Leben, das bunt und lebenswert ist und vor allem, das einzigartig dein Leben ist. Ein Leben, das dich begeistert.

Und manchmal ist es der kürzeste Weg zum Glück, sich mit seiner ganzen Aufmerksamkeit und Kraft den Bedürfnissen und Themen eines anderen zu widmen.

Was sind deine Big Five?

Und was wirst du heute tun, um deinen ersten Wer zu finden?

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6 Comments Wir brauchen unser eigenes Talimpopo

  1. Mel

    Schöner Artikel. Wirklich. Und eine schöne Botschaft: Alles ist ein Kreislauf; gib zu einer Zeit großzügig was du hast und erhalte zu anderer Zeit ebenfalls Hilfe/Inspiration/whatever. Passt grade wie die Faust aufs Auge zu einer Thematik, die mich momentan umtreibt – danke für den neuen Input! 🙂

    Liebe Grüße
    Mel

    Reply
  2. Dominic

    Hallo Paul,
    wieder ein super Beitrag von Dir! Auch die Idee die Talimpopos in unser Leben zu übertragen mag ich sehr. Mir fehlt allerdings noch die Mastermindgruppe in Deiner Auflistung. Meiner Meinung nach bieten die genau das was Du hier ansprichst. Das offene Ohr, die Kritik, die Unterstützung und das Potenzial die eigene Entwicklung voran zu bringen. Nur leider hat man nicht an jeder Ecke Zugang zu so einer Gruppe bzw. gibt es immer noch viele die das Prinzip von Mastermindgruppen gar nicht kennen.
    LG Dominic

    Reply
    1. Paul

      Hallo Dominic, ja Masterminds sind toll, aber genau das Format ist noch nicht so verbreitet, aber gründe, gründe, wir brauchen mehr Macher, die die Veränderung in die Hand nehmen. 🙂 VG Paul

      Reply
  3. astrid

    Hallo Paul,
    diese deine e-Mail hat mich seit Wochen gesucht …
    Gut ein Jahr lang befinde ich mich mittlerweile auf einer kreativ-spirituellen Entdeckungsreise. Ich lerne die Kunst, „Fehler“ zu machen, Ungeplantes zuzulassen, chaotisch zu denken und zu handeln. Ich merke, dass ich dann, wenn ich die Kontrolle abgebe (über einen Text, über eine Zeichnung, über eine Entscheidung u.s.w.), viel mehr zu sagen und zu erfahren habe, als dann, wenn ich mich um eine Aussage, um Sinn und Folgerichtigkeit bemühe.
    Wenn ich (amazons hilfsbereiten Buchvorschlägen sei Dank) das aktuelle Terrain meiner Expeditionen auslote, lande ich bei Autoren wie Julia Cameron, Anssi Antila, Rüdiger Dahlke und Veit Lindau. Da geht es nicht mehr ums Schreiben, da geht es ums Sein.
    Nun stieß ich vor einigen Monaten en passant auf die Aktionsbücher von Keri Smith („Wreck This Journal“/“Mach dieses Buch fertig“, „Wie man sich die Welt erlebt“ u.a.), von denen du vermutlich auch bereits gehört oder gelesen hast. Was mich an ihnen magisch anzog, war nicht so sehr der Gedanke, sie im Garten zu vergraben, voll Ketchup zu kleckern, mit der Metallfeile zu verwüsten und was der original von Smith erteilten Anweisungen mehr sind, als vielmehr der doppelte Boden, der sich, will man ihn nur sehen, in ihren Titeln verbirgt: „Sich“ die Welt zu erleben etwa, sich die große, weite Welt gleichsam zu Eigen zu machen – was für eine Perspektive! Oder ein Journal, ein Tagebuch, also sozusagen einen Zeitabschnitt meines Lebens, „fertig zu machen“, abzuwracken, kaputt zu treten und in die Mülltonne zu werfen – wär’s das nicht?
    So kam ich auf die Idee, Keri Smiths Anweisungen absichtsvoll fehlzuinterpretieren. Sie, statt sie nur wörtlich zu befolgen, als Projektionsflächen für Erinnerungen, als Formvorlagen für Lebensexperimente aufzufassen. Die Bücher wären dann etwas wie der „geschützte Raum“ einer Psychotherapie, das Ganze nicht mehr ein Aktionsprojekt über zweckentfremdete Bücher, sondern eine Art Gesamtkunstwerk mit verborgenen Schichten ohne Ende.
    Fünf Publikationen aus Keris Werkstatt habe ich mir nun als „Projektionsflächen“ ausgewählt – die sind momentan meine Big Five.
    Und für diesen geschäftsuntauglichen und gesellschaftlich völlig irrelevanten privaten Spleen nun im globalen Dorf Unterstützung suchen? Ein Talimpopo einberufen? Ich weiß nicht. Einerseits schon. Kontakt aufnehmen, nicht so einsam sein. Austauschen mit anderen, Impulse bekommen, auf neue Wege gelenkt werden – schon geil, sich das vorzustellen. Aber wenn ich mich dann auf die Suche begebe und im Internet meine wichtigsten Schlagwörter recherchiere, dann ist das, was da diskutiert wird, so völlig anders, so meilenweit weg von dem, was ich zu finden hoffte.
    Ich google „Spontaneität“ und finde Ratgeber über Schlagfertigkeit in Verkaufsgesprächen. Ich tippe „Kreativität“ ein und lerne ein Dutzend Definitionen, gefolgt von Übungen, die ich seit Jahren praktiziere und die Kreativität als Mittel zum Zweck verstehen, statt das Wunder des Kreativseins an sich zu feiern. Ich durchstöbere Blogs und Kursankündigungen zu kreativem Schreiben und darf mir erklären lassen, dass Creative Writing eine Vorstufe sei zum „erfolgreichen“ Verfassen eines Romans. Spätestens da bekomme ich Seelenkrämpfe. Von Zeile 5 bis 12 haben wir es noch mit etwas Heiligem, der Begegnung mit dem wahren Selbst, dem Universum in uns, zu tun, und in Zeile 30 sind wir glücklich beim eigentlichen Ziel angekommen: einem marktgerechten Manuskript.
    So gern ich mich mitten auf den Dorfplatz stellen möchte – hier ist einfach nicht mein Dorf.
    Bei Human Trust (vielen Dank für den Hinweis!) habe ich mich in der Tat kaum eine halbe Woche vor Erscheinen deines Talimpopo-Artikels bereits auf die Warteliste setzen lassen. Was und wie dieser Veit Lindau schreibt – einfach der absolute geniale Wahnsinn! Hoffentlich wird der Anmeldestopp bald aufgehoben, und hoffentlich bin ich dann in der Lage, von meiner Bonsai-Rente den Mitgliedsbeitrag abzuzweigen.
    lG,
    astrid

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