Wie Buchstaben mein Leben zusammengehalten haben

meinegeschichte3Vor ein paar Jahren lagen BHs und Tampons in meinem Nachttisch. Nicht, weil ich einen Fetisch hatte, sondern weil ich sie selbst benutzte. Ich bewohnte einen Frauenkörper.

Dass ich mich aus ihm befreien konnte, habe ich vor allem dem Schreiben zu verdanken.

Mir fällt es nicht leicht, dir von meiner Geschichte zu erzählen.

Warum ich es trotzdem tue? Warum teile ich Details aus meinem  Leben, die dich vielleicht eher von mir wegtreiben als uns zusammenzubringen?

Nicht, weil ich es so toll finde trans* zu sein oder Missstände anklagen möchte. Ich habe mich dazu entschieden, weil ich dich zum Schreiben motivieren will und meine Geschichte mein stärkstes Argument dafür ist, dass Schreiben dein Leben radikal zum Besseren verändern kann. Auf eine Weise, die du dir heute noch gar nicht vorstellen kannst.

Wenn ich dich am Ende meiner Mails auffordere “Schreib dich in ein besseres Leben”, dann schreibe ich das nicht als hübsch klingenden Marketingslogan, sondern aus einer tiefgreifenden Erfahrung und der Gewissheit heraus, dass das auch für dich wirklich möglich ist.

Wie ich mein Leben aufgegeben habe, um ein neues zu beginnen

Zwischen dem ersten in Bleistift geschriebenen Satz: “Ich habe mich noch nie als Frau gefühlt….” in meinem Notizbuch und heute liegen die verrücktesten und wertvollsten 5 Jahre meines Lebens.

Die Reise begann als ich dachte, meine Geschichte wäre bereits auserzählt. Als mich innere Bilder immer häufiger mit neuen Varianten heimsuchten, wie ich mein Leben beenden könnte. Es war der absolute Tiefpunkt erreicht. Seit dem Abi hatten mich Panikattacken und Depressionen begleitet, aber nie hatte irgendeine Therapie nachhaltig gewirkt. Jetzt war meine Energie verbraucht und meine Leidensfähigkeit erschöpft. Ich wusste nicht, ob ich mich für oder gegen das Leben entscheiden wollte.

An einem dieser düsteren Tage begegnete ich dem Buch “Blaue Augen bleiben blau” über die Geschlechtsangleichung von Ex-Stabhochspringer Balian Buschbaum, der früher Yvonne hieß. Ich sehe mich gerade in meinem Studentenappartement sitzen und spüre die Welle der Emotionen noch einmal aufsteigen. Die unendliche Traurigkeit, die Erleichterung, die Verzweiflung. Warum ich? Warum erst jetzt? Was mache ich jetzt?

Ich war ein Mann, den die Natur versehentlich in einem Frauenkörper auf die Welt geschickt hat. Nicht jede Erkenntnis versetzt dich in Jubelschreie. Manchmal weißt du, welche Veränderung notwendig ist und willst einfach nur sitzen bleiben und nie wieder aufstehen.

Ich schrieb gerade an meiner Dissertation und musste das Haus nicht allzu häufig verlassen. Die nächsten Monate verbrachte ich also tatsächlich viel sitzend. Davon viele Stunden auf meinem Bett mit Notizbuch und Stift in der Hand. Die Augen mal geschlossen. Mal meditierend. Mal schreibend. Mal weinend. Und mal vorsichtig lächelnd einen Blick auf eine mögliche Zukunft wagend.

Wie ich mich an einen magischen Ort schrieb

Es war der Versuch, das Chaos in meinen Kopf zu beruhigen. Während ich in der Stille saß, begann ich einen seltsamen Dialog mit meinem inneren Gefühl. Meiner Intuition. Meinem Urvertrauen. Ich ließ die vielen Stimmen in mir und auf dem Papier zu Wort kommen, bis sie eine harmonische Melodie ergaben. Sie war nicht perfekt, aber sie führte mich zu einem magischen Ort. Ich hatte mich an den Punkt innerer Gewissheit geschrieben. Und erst als ich diesen erreicht hatte, entschied ich mich, mein altes Leben loszulassen und ein neues zu beginnen. Als Mann. Dass ich es in den folgenden Jahren fast zwei Mal tatsächlich verlieren würde, wusste ich zu dem Zeitpunkt glücklicherweise nicht.

Eine Geschlechtsangleichung ist weder Spaziergang noch Triumphzug. Es ist ein durchaus gefährlicher, in jeder Hinsicht anstrengender und langer Weg. Aber er war für mich überlebensnotwendig. Ein Strohhalm der Hoffnung auf ein besseres, lebenswertes Leben.

Die letzten Jahre fühlen sich an wie eine Achterbahnfahrt durch einen Tornado. Es ist ein unbeschreiblicher Mix von Emotionen und ersten Malen, von Verabschieden, Loslassen und Neuentdecken. Wenn dir jemand erzählt, dass er aus einer Krise herausgefunden hat und es seitdem nur noch steil nach oben gegangen ist, sei skeptisch. Das Leben mag Kurven viel zu sehr.

Schreiben ist ein intelligenter Sicherheitsgurt

Schreiben war der Sicherheitsgurt, der verhinderte, dass ich von all den neuen Erfahrungen aus dem Sitz geschleudert wurde. Ich hielt mich an meine Schreibroutine und an guten Gesprächen fest. Ich kultivierte die Stille in mir. Aber hast du schon mal jemanden in der Achterbahn schreiben sehen? Irgendwann auf der Hälfte der Strecke habe ich den Stift aus der Hand gegeben. Es gibt Momente im Leben, da ist nicht der Zeitpunkt zu reflektieren. Da bist du beschäftigt zu atmen, nach vorne zu sehen und einen Schritt nach dem anderen zu tun.

Heute – sechs Operationen, unzählige Hormonspritzen, eine gescheiterte Beziehung, viele Tränen und mindestens so viele Glücksmomente später – ist mein Abenteuer nicht abgeschlossen. Aber ein wichtiges Kapitel ist beendet. Die Achterbahnfahrt setze ich fort, aber der Tornado ist weitergezogen und ich schreibe wieder. Ich versuche die Erfahrungen in Worte zu fassen.

Warum du dein Abenteuer beginnen solltest

Ich habe keine Heldengeschichte zu erzählen. Denn das Leben mag keine Perfektion. Aber ich will eine Botschaft mit dir teilen:

Das Leben ist ein fantastisches Abenteuer, wenn du dich traust, deinem Herzen zu folgen, und Schreiben ist der beste Wegbegleiter. Denn es hilft dir, den Klang deines Herzens zu hören und deine ureigene Melodie zu spielen, die die Welt so dringend braucht.

Das Leben kann so viel leichter und erfüllender sein. Glaub mir, ich habe ein wenig Erfahrung damit.

 

 

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