Was ich in 12 Wochen Instagram über Glück gelernt habe

Vor einiger Zeit habe ich mir eine kleine 12-Wochen-Challenge gestellt: Jeden Tag ein Foto bei Instagram posten. Ergebnis: Ich habe nichts übers Fotografieren gelernt. Stattdessen konnte ich mein Denken überraschend einfach wieder auf Glück ausrichten. Erkenntnisse eines Selbstexperiments.

Die Ausgangssituation

Da hatte sie mich erwischt. Vor einigen Monaten. Die Welle von dunklen Gedanken. Wie sie jeden mal härter mal weniger hart trifft. Da mir alles ernsthaften Versuche mit Gesprächen, Literatur und Meditation nicht geholfen hatten, die Wolken wegzuwischen, beschloss ich, etwas unverkrampfter an die Suche nach Stimmungsaufhellung heranzugehen. Nein, ohne Drogen.

Da unsere Lebensrichtung aus den vielen kleinen täglichen Gewohnheiten entsteht, die wir praktizieren, war also die Frage: Könnte ich meiner tief verwurzelten Gewohnheit, mich regelmäßig vom Leid wegtragen zu lassen, eine glücklich machende Gewohnheit entgegensetzen und damit das alte Übel Stück für Stück verdrängen?

Soziale Netzwerke fördern bekanntlich Dopaminausschüttungen. Glückshormone in Like-Frequenz. Da ich nicht wählerisch sein konnte, was die Herkunft meines Glücks anging, griff ich nach diesem Strohhalm. Ich entschied mich, mir Instagram näher anzusehen, das Wohlfühlnetzwerk schlechthin. Überall Zitate, wie schön das Leben und die Liebe ist. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Würde ich diese Glückseligkeit in mein Herz hineinzwingen können, wenn ich nur jeden Tag so täte, als wäre ich einer dieser glücksbesoffenen Zitateposter? Würde ich über Fake it till you make it endlich diesen Miesmacher in meinem Kopf zum Schweigen bringen?

Mehr als 12 Wochen repostete ich täglich entweder ein Zitat oder erstellte ein Zitatbild. Wenn du dich fragst, wo der Bezug zum Schreiben liegt: Das Abtippen gefundener Zitate beim Erstellen von Zitatbildern werte ich jetzt mal als Schreiben :).  

10 Erkenntnisse aus meinem Instagram-Experiment

Habe ich durch das Experiment mein Ziel erreicht? Ich habe zumindest eine ganze Menge gelernt oder anders, ich habe mich an Erkenntnisse und Wahrheiten erinnert, die ich im Dunkel schlichtweg vergessen hatte. 

Erwarte also nicht die Weltformel. Das meiste wirst auch du bereits wissen. Aber hin und wieder tut es gut, sich das wirklich Wichtige neu bewusst zu machen. Wie du es schaffst, ist eigentlich egal. Für mich hat Instagram funktioniert und manchmal klingen meine Erkenntnisse daher wie Tatsachen, aber letztlich teile ich hier meine Erfahrungen und was für mich funktioniert, muss nicht für dich passen. Wenn du anderer Meinung bist, dann ist das genauso gut.

  1. Lebensfreude ist ein Muskel

Ein alter Hut. Aus der Nähe betrachtet, aber ein sehr schöner. Vintage. Mit anderen Worten: Es stimmt. Sogar an schlechten Tagen. Wenn du die richtige Frage stellst und statt “Warum passiert mir das?” zum Beispiel fragst “Wie kann ich aus dieser Situation etwas Gutes machen?” in dein Hirn gibst, wirst du erleben, dass es nach Antworten sucht und je häufiger du dich zu dieser Haltung zwingst, desto größere Schätze wird dein Gehirn zu Tage fördern. Jeder hat einen einzigartigen Blick auf die Welt und jeder schätzt anderes. Aber an jedem Tag gibt es etwas Gutes zu entdecken und sei es noch so klein. Du kannst ja anerkennen, dass du früher mehr und leichter Gründe gefunden hast zum Glücklichsein, aber dein Leben findet im Hier rund Jetzt statt. Also, wofür bist du gerade dankbar?

  1. Das Wettrennen ums Glücklichsein gewinnt, wer innehält

Ich habe mich dabei ertappt, wie ich in eine Wettbewerbshaltung gekommen bin. Da sehe ich, wie die Leute ihre tollen Cocktails zeigen, wieder zu Konzerten gegangen und in Urlaub gefahren sind. Und ich fühlte mich minderwertig. Dabei hatte ich, wenn ich kurz nachgedacht und gefühlt hatte, gar keine Lust auf Konzerte und Urlaub. Mir sind auch die Neidgefühle beim Blick auf die Followerzahlen anderer User begegnet und dann musste ich über mich lachen, weil die Anzahl von Followern und gestellten Bildern wohl kaum etwas darüber aussagt, ob jemand glücklich und noch nicht einmal, ob jemand erfolgreich ist. Der Schlüssel wie so oft im Leben: innehalten. nachdenken.

  1. Auch kleine Gesten der Wertschätzung und Anerkennung zählen

Wenn ein Like von einem Menschen, den ich nicht einmal kenne, mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, warum sollte nicht mein Like bei jemand anderem das gleiche bewirken können? Und um jetzt ganz mutig zu werden: Was würde passieren, wenn wir diese kleinen Formen der Anerkennung einfach ins echte Leben hinüberretten? Wenn wir uns die halbe Minute nehmen, um der Kollegin ein Kompliment zu machen? Nicht zu ignorieren, wenn jemand im Büro auffallend wortkarg ist, sondern einfach mal vorsichtig fragen, wie es ihr oder ihm geht? Was, wenn wir dem Kassierer einen schönen Tag wünschen würden? Nicht auszudenken….Kleine Gesten werden unterschätzt.

  1. Du musst nicht die Welt neu erfinden, um Menschen (Mehr-)Wert zu bieten

Als kreativer Mensch dachte ich lange Zeit, eine Idee ist nur dann wertvoll, wenn sie neu ist. Tatsächlich kann es sehr wertvoll sein, einfach ein vorhandenes Foto zu reposten. Null Eigenleistung. Und trotzdem: Dadurch, dass das Foto und der Inhalt so Menschen erreicht, die es vorher vielleicht nicht erreicht hätte, ist ein Wert geschaffen. Dein Handeln kann für andere hilfreich sein, selbst wenn es völlig unoriginell ist. Eine sehr entlastende Erkenntnis. Und in den unternehmerischen Kontext übertragen, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten, Vorurteile erfolgreichen Copy Cats gegenüber loszulassen…

  1. Altes Wissen ist nicht zwingend veraltetes Wissen

Die Informationsmenge nimmt exponentiell zu und wir neigen gerade in Zeiten sich permanent aktualisierender Newsfeeds dazu, Relevanz nur ein minimales Zeitfenster einzuräumen. Überspitzt formuliert: Jede Information, die nicht von gestern oder von heute ist, ist für uns schon veraltete und keine verlässliche Quelle mehr. Wer weiß, was sich in der Zwischenzeit getan hat. Das Durchstöbern der Instagram-Zitate hat mich daran erinnert, dass alt nicht zwingend veraltet heißt. Im Gegenteil: Die grundlegenden Erkenntnisse und Einsichten über das Leben und seine Gesetze sind uralt. Sie wurden nur immer wieder in etwas anderen Varianten erzählt. Wir können also unseren Verbrauch an Persönlichkeitsentwicklungskursen und -literatur dramatisch reduzieren. Und ein Blick in die Werke wirklich großer Denker wie Sokrates, Kant und Co. schadet auch nicht.

  1. Reaktionen bestimmen nicht den Wert einer Aussage

Gilt für Troll-Kommentare und in der Offline-Welt: Die Hoheit darüber, welches Feedback du annimmst und als gut und richtig akzeptierst, liegt bei dir. Und auch wenn mal gar kein Feedback kommt, heißt das nicht, dass dein Tun ohne Wirkung ist. Dein Instagram-Foto (Arbeitsergebnis im Job, Herzensprojekt etc.) kann trotzdem ein außerordentlich schönes Werk geworden sein und sehr gut investierte Zeit. Denn bei allem, was du mit Neugier und Freude tust, lernst du dazu. Und das ist genauso viel Wert wie Anerkennung von außen. Ach, und noch eine Sache: Was bei Instagram gilt, gilt auch anderswo: Manchmal ist es einfach schlechtes Timing und deswegen nimmt niemand von dir und deinen Ideen Notiz. Nimm nicht immer alles persönlich!

  1. Diamanten entstehen unter Druck

Ich hatte mich entschieden, das durchzuziehen. Eine lächerliche, kleine, kreative Herausforderung. Daran wollte ich meine Selbstregulation messen. Den Zweifel, ob ich jeden Tag ein Zitat finden würde, das meiner Nische entsprach und einem Mindestmaß an Anspruch genügte verdrängte ich. Zurecht. Denn was ich feststellen konnte: Verpflichtung und die klare Begrenzung auf ein Nischenthema setzen Kreativität frei. Oft hatte ich auch wenig Zeit, musste die Aufgabe aber irgendwie erledigen. Es funktionierte. Dein Wunsch mehr Zeit für dein Herzensprojekt zu haben, ist für die Sache also gar nicht immer zuträglich. Recherchier mal den Medici-Effekt. Oder lass dir gesagt sein: Eine handvoll verschiedener Verpflichtungen führt insgesamt zu besseren Ergebnissen als der Laserfokus auf eine einzige Sache.

  1. Popularität vs. Prinzipien?

Anerkennung macht süchtig. Ob Herzen oder Likes, das menschliche Gehirn ist suchtanfällig für Anerkennung. Die Gefahr besteht darin, dass eigene Thema aus den Augen zu verlieren und austauschbarer Dienstleister zu werden, der nur serviert, was verlangt wird. Die Kunst ist es, das eigene Herzensthema so zu kommunizieren, dass es möglichst viele Menschen auch zu ihrem Herzensthema machen. Wer nur Herzen jagt, droht sein eigenes zu verlieren.

  1. Das Maß macht’s.

Manchmal fühlte ich mir durch meine selbstauferlegte Verpflichtung unter Druck gesetzt. Manchmal drohte das Experiment in Stress auszuarten. Ich scrollte und scrollte auf der Suche nach einem noch passenderen Zitat, das einen Repost wert sein würde. Verlorene Lebensminuten. Rückblickend muss ich selbst über mich lachen. Leider verlieren wir im Job oder bei anderen Projekten immer wieder das richtige Maß aus den Augen. Die Gründe? Zwei alte Bekannte begegnen mir immer wieder: Das Streben nach Perfektion und die Angst, nicht gut genug zu sein. Beides macht krank. Beides ist nicht hilfreich. Die Lösung: Sein lassen. Einfacher gesagt als getan. Bei meinem Instagram-Experiment haben mir klare Regeln (z.B.  Feedchecken nur morgens nach dem Frühstück) und ein inneres “Stopp” geholfen. Lässt sich ganz erfolgreich auf andere Bereiche übertragen.

  1. Fang kleiner an.

Warum hatte ich vorher Gewohnheiten nicht gut durchhalten können und warum fiel es mir diesmal recht leicht? Meine Erklärung: Ich hatte die Hürde diesmal extrem niedrig gehängt. Was gut war. Die Stimme, die das alles für lächerlich hielt, hatte ich in die Ecke beordert und damit Momentum aufgebaut. Denn es ist egal, welche Gewohnheit du trainierst. Das Durchhalten von Gewohnheiten ist ein universeller Muskel. Einmal trainiert, fällt es dir viel leichter, die nächste, vielleicht wichtigere Gewohnheit zu übernehmen. Der Schlüssel ist: Eine so kleine Herausforderung zu wählen, das sie fast lächerlich erscheint. Wenn Routine entsteht und du dich wieder auf dich selbst verlassen kannst, zündet etwas in dir. Mich hat es aus meiner Lethargie herausgeholt.

Fazit

Das sind sie also, meine wichtigsten Erkenntnisse aus dem Instagram-Experiment. Die vielen kleinen Aha-Momente, die ich durch Instagram hatte, haben mein Denken wieder aufs Positive ausgerichtet und aus dem Sumpf herausgezogen. Nicht nur, während ich dort am Werkeln war, sondern den ganzen Tag über. Das Netzwerk ist und war eine großartige Spielwiese. Aber: Es ist nicht das Allheilmittel. Und: Die Erkenntnisse hätte ich auch bei irgendeinem anderen Experiment haben können. Vielleicht ist es für dich eine Buch-Challenge oder ein Yoga Retreat oder etwas ganz anderes, bei dem für dich endlich einige Wahrheiten (wieder) vom Kopf in dein Herz finden. Ich kann nur empfehlen: Probier mal etwas kreatives, unverkrampftes aus und lass dich überraschen!

 

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2 Comments Was ich in 12 Wochen Instagram über Glück gelernt habe

  1. Smirella

    Ein schöner Beitrag und vieles habe ich auch so erlebt.
    Was für mich Instagram zu einem kleinen Glücks-Bringer macht, ist die Tatsache, dass ich die kleinen Schönheiten um mich herum mehr beachte. Man will ja täglich ein, zwei, drei neue Bilder posten, also geht man mit offeneren Augen durch die Welt. Die kleine Blume am Wegesrand, der blaue Himmel, das köstliche Essen – vieles nehme ich wesentlich bewusster wahr, seit ich auf Instagram bin 🙂

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    1. Paul

      Ja, auf jeden Fall. Da hast du Recht. Ich gehe auch wieder mit offeneren Augen durch die Welt :). Freut mich, dass du in Instagram auch einen kleinen Glücksbringer gefunden hast!

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