Wie ich meine Erinnerung verlor und was du daraus lernen kannst

Das Jahr ist jung und wahrscheinlich wirst du in den kommenden Monaten einige großartige Momente erleben, aus denen bleibende Erinnerungen werden…könnten. Schöne Erinnerungen sind ein echter Schatz, dem wir viel zu wenig Beachtung schenken. Meine Erinnerungen haben zum Beispiel viele Lücken. 

Bei Gesprächen mit Freunden und Familien kommen immer mal wieder Situationen auf, in denen es heißt: Weißt du noch, damals bei Papas Geburtstag, als wir unsere Tante zum letzten Mal gesehen haben? Weißt du noch, als wir bei der Abschlussfeier unsere Diplomurkunden überreicht bekommen haben und wir danach mit XY feiern waren?

Nein, ich weiß nichts mehr davon. Oder nicht viel.

Weite Teile meiner Vergangenheit erscheinen mir wie hinter einem grauen Nebel verborgen. Manchmal klart die Sicht auf und der Nebel gibt einzelne Bilder frei. Schöne Erinnerungen. Wo andere ganze Bilderwelten sehen.

Warum meine Erinnerung verschwand

Die Lücken sind eine Erinnerung an meine Depression, in der mich emotional einfach nichts erreicht hat. Das hat mich geschützt vor Verletzung und Schmerz, aber der Preis ist hoch. Denn – wie die wunderbare Brené Brown so treffend sagt –  wir können Emotionen nicht selektiv betäuben. Wer keine Angst, keinen Schmerz, keine Trauer empfindet, kann auch keine Freude, keinen Stolz und keine Begeisterung erleben.

Und ohne Emotion lassen sich Ereignisse schlecht abspeichern. Es lassen sich überhaupt kaum langfristig Informationen im Gehirn verankern. Denn es sind Emotionen, die den Aufnahmeknopf unserer inneren Kamera drücken. Die uns bewegen und uns lebendig machen.

Erinnerungslücken sind so Ausdruck von Emotionslücken. Denn genau das sind Depressionen. Emotionen werden ausradiert. Erst bleibt noch Traurigkeit. Dann nur noch eine innere Leere, ein Nichtfühlen. Der Auslöser funktioniert nicht mehr. Selbst wenn du ihn ganz bewusst drücken willst…

Was du aus meinen Erinnerungslöchern lernen kannst

Warum erzähle ich dir das? Nicht, damit du mich bemitleidest. Die löchrige Erinnerung hat auch ihre guten Seiten. Sie bringt in den Moment. Sie schafft eine – wenn auch eigenartige – Zeitlosigkeit. Sie ist ein Filter, weil die wirklich wirklich tiefen Erfahrungen dann eben doch durch den Nebel hindurchkommen. Zumindest bei mir.

Aber letztlich werde ich aus dieser Erfahrung des Erinnerungsnebels nur dadurch etwas wirklich Gutes gewinnen, wenn du dich dich von meinen drei Wünschen berühren lässt, dich hin und wieder an sie erinnerst und sie in deinem Leben zu leuchten bringst. 

Bedien deine innere Kamera

Ich möchte dich einladen, in diesem Jahr immer mal wieder inne zu halten und ganz bewusst den Auslöser deiner inneren Kamera zu drücken. Es kann ja nicht schaden, etwas nachzuhelfen. Automatik hat bekanntlich manchmal Tücken.

Lass die schönen Momente nicht im Nirvana verschwinden. Sei häufiger im Moment statt in deinem Smartphone. Schau in die Augen deines Gegenübers statt auf den Monitor. Atme ein paar Mal in die Stille, bevor du etwas Neues probierst. Spüre in deinen Körper hinein. Hilf deinem Gehirn aus den Myriaden an Bildern, die richtigen in dein inneres Archiv zu nehmen. 

Lass dich berühren

„Um das Bauen von Erinnerungen muss ich mich nun wirklich nicht kümmern, das kann mein Gehirn gerade noch alleine“, denkst du vielleicht. Ja schon, aber es ist die innere Haltung, die wir gegenüber den alltäglichen und weniger alltäglichen Begebenheiten an den Tag legen, die entscheidet, wie unser ganz persönlicher innerer Film gedreht wird. Das betrifft uns alle. Nicht nur die Menschen, die an einer Depression erkrankt sind.

Die Abgestumpftheit des “Das muss eben erledigt werden”-Büroalltags, die Wohlstandsgesellschaft tragen zu einer Oberflächlichkeit bei, der wir alle aktiv entgegenwirken sollten, um nicht erst dann aufzuwachen, wenn uns in einer gewissen Gleichgültigkeit und einem Jammern auf hohem Niveau eingerichtet haben. Wenn wir nur noch funktionieren und eigentlich gar nicht mehr wissen, warum wir eigentlich hier sind.

Also, lass dich berühren. Lass dich von Begeisterung, Liebe, Traurigkeit und Wut mitreißen. Ja, manchmal tun Gefühle weh, aber glaub mir, ohne ist auch keine Lösung. 😉

Never assume

Wenn sich jemand seltsam verhält, nimm nicht sofort an, dass er das aus böser Absicht tut oder es persönlich meint. Wenn ich mich nicht erinnere und das auch nicht vortäusche, habe ich schon erlebt, dass mein Gegenüber dachte, das Ereignis sei mir nicht wichtig gewesen, er sei mir nicht wichtig. Dabei sind es manchmal ganz andere Gründe. (Seitdem ergänze ich meist, dass ich mich nicht erinnere, weil es mir damals nicht gut ging…)

Unsere Welt wäre freundlicher, wenn wir alle häufiger nachfragen und nimm weniger annehmen. Ganz grundsätzlich. Wenn wir unsere negativen selbstbezogenen Hypothesen durch wohlwollende Annahmen oder noch besser offene Gespräche ersetzen würden – und uns von den Antworten überraschen lassen.

Wie du den Nebel von deinen Erinnerungen fernhältst

Du kannst wichtige Ereignisse natürlich filmen. Handy raus und Erinnerungsarbeit outgesourct. Was du aber nicht auf dem Video siehst, ist dein inneres Erleben. Darum hat es trotz aller Digitalisierung für mich einen unersetzlichen Wert mich nach besonderen Erfahrungen hinzusetzen, um meine Gefühlswelt und meine Gedankenflut schriftlich festzuhalten. Und sei es, um Fotos und Videos zu ergänzen.

Gibt es eine Erfahrung, die noch recht frisch ist und die es wert ist, in deinem Journal festgehalten zu werden? Welche Aufmerksamkeit schenkst du deinen täglichen und nicht alltäglichen Erfahrungen. Jetzt könnte ein guter Zeitpunkt sein, dir schreibend deiner Erinnerungsautomatik bewusst zu werden.

Danke für deine Zeit. Das war ein besonderer Artikel für mich. Wenn du mir einen Kommentar hinterlässt, sei dir sicher, dass daraus eine Erinnerung für mich wird. Trotz immer mal aufkommender Nebelfelder.

 

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3 Comments Wie ich meine Erinnerung verlor und was du daraus lernen kannst

  1. Caro

    Hallo Paul

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich dachte immer, ich bin die Einzige, die kaum Erinnerungen an ihre Kindheit hat. Die bestehen nur aus den Geschichten, die mir immer und immer wieder erzählt wurden und aus gewissen Ereignissen, zu denen es Fotos gab, die ich oft genug betrachtet hatte.

    Ich habe es den verlorenen Erinnerungen nicht nachgetrauert. Trotzdem ist es beruhigend, zu wissen, dass dieser Verlust einen Sinn hatte, nämlich das Negative nicht immer so nah an mich heranzulassen, lieber ein wenig beschriebenes Blatt sein, als ein schwarz beschriebenes… Dieser Zusammenhang war mir bisher gar nicht selber in den Sinn gekommen, aber als ich davon in deinem Beitrag las, erschien es einfach nur logisch.

    Nochmals vielen Dank
    Caro

    Reply
  2. Jordan

    Lieber Paul!! Danke für den schönen Artikel!! Du sprichst mir aus der Seele 🙂 Ich habe im letzten Jahr angefangen, ein Glas mit Erinnerungen zu sammeln. Immer wenn mich etwas besonders glücklich oder stolz gemacht hat, hab ich es auf einen kleinen Zettel geschrieben und ins Glas getan. Ich glaub, die schönste Erinnerung letztes Jahr war, bei Sonnenaufgang nach ner Runde Sport am Strand in Unterwäsche ins Meer zu laufen 😀 Damals hab ich leider noch kein Tagebuch geschrieben, aber die Erinnerung hat sich so fest eingebrannt, dass ich mir dieses Gefühl von Freiheit immer wieder „abrufen“ kann!!

    Herzliche Grüße <3

    Reply
  3. chitaronne

    Danke, Paul! Ich schreibe wieder – ich schreibe nun wieder für mich.
    Durch das, was du so persönlich von dir mit uns geteilt hast, kam ich heute auf die Idee, die Erinnerungen von 2016 aufzuschreiben, die mich emotional sehr bewegt haben. Das Jahr 2016 war für mich eine Zeit, in der ich ständig meinen Schattenseiten wie Hass, Eifersucht, Rache und Besserwisserei begegnet bin. Das war sehr unangenehm. Ich fühlte mich schlecht in meiner Haut, war im Kontakt mit anderen Menschen oft nur künstlich anwesend. Doch nach dem Lesen deines Textes übers Schreiben, kamen mir nur die Erlebnisse, die meine Liebe innerlich berührt haben aus der Feder. Die Schattenseiten haben ebenso noch ihren Platz, sind aber beim Schreiben in den Hintergrund getreten und haben ihre energieraubende Kraft verloren. Ich hoffe das bleibt so. Ich werde mich beim Schreiben mir innerlich liebevoll zuwenden.
    Heike Chitaronne

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