Diese zwei Wutschreiber gingen in die Geschichte ein

Ich mach dir ein Geständnis: Es braucht einiges, damit mir der Kragen platzt, aber wenn, möchtest du nicht dabei sein. Was das mit dem Schreiben zu tun hat? Ein Literaturklassiker von Dale Carnegie hat mich neulich auf eine neue Kategorie Schreiber aufmerksam gemacht: Die Wutschreiber. Gehörst du auch dazu?

Der Kollege, der versprochen hat, bis zum festgelegten Termin zu liefern und dann die Deadline platzen lässt, die Bahn, die mir vor der Nase wegfährt, sodass ich nicht mehr pünktlich ankomme, der Freund/Chef/Kollege, der es einfach nicht einsehen will, dass er in diesem Fall doch mal Unrecht hat. Du hast sicher deine eigenen Top-Aufreger.

Bisher habe ich in solchen Momenten nicht ans Schreiben gedacht. Anders als Abraham Lincoln oder Mark Twain zu Lebzeiten. Die beiden gehörten nämlich zur Gruppe der Wutschreiber.

Während des amerikanischen Bürgerkriegs schickte Lincoln einen General nach dem anderen an die Spitze der Armee am Potomac River. Einer nach dem anderen versagte. Es trieb Lincoln zur Verzweiflung. Als sich unerwartet eine aussichtsreiche Gelegenheit bot, die feindliche Südstaatenarmee am Fluss zu schlagen, befahl Lincoln seinem General Meade nicht erst den Kriegrat einzuberufen, sondern unverzüglich anzugreifen. Der aber widersetzte sich. In seiner Wut schrieb Lincoln einen für seine Verhältnisse extrem deutlichen und emotionalen Brief an den General. Das Schreiben wurde überliefert. Wie der General darauf reagierte allerdings nicht. Was auch nicht möglich ist, da der Präsident den Brief niemals abschickte, sondern bei seinen Papieren aufbewahrte. Dort wurde er nach seinem Tod gefunden.

Ein anderer Wutschreiber war Mark Twain. Er schien zu denen zu gehören, denen die Hutschnur sehr schnell hochgeht. Auch von ihm sind einige Wutbriefe überliefert. “Was Sie brauchen, ist eine Bestattungserlaubnis. Sie müssen es nur sagen und ich besorge Ihnen eine”, schrieb er in einem und seinen Verleger ließ er wissen: “Setzen Sie den Text gemäß meiner Vorlage und sorgen Sie dafür, dass der Korrektor seine Vorschläge in seinem verfaulten Hirnbrei behält.” Mark Twain bewahrte die Briefe nicht auf, sondern gab Sie auf den Postweg. Der führte allerdings über seine Frau, die sie nicht zur Post brachte, sondern diskret verschwinden ließ. Besser war das…

Was hat das mit uns heute zu tun? Mit uns digital dauervernetzten Hamsterradsklaven?

Wir schreiben kaum noch Briefe. Aber wir texten, mailen und whatsappen. Das Medium ist egal. Mich hat der Text angeregt über meinen Umgang mit Wut nachzudenken.

Gehörst du eher zur Kategorie Abraham Lincoln oder bist du ein Mark Twain?

Abraham Lincoln machte seinem Ärger schriftlich Luft. Hätte er seine Wutbriefe abgeschickt, es hätte nichts Gutes gebracht. Die Generäle handelten in Extremsituationen und versuchten die beste Entscheidung zu treffen. “Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet”, soll eines von Lincolns Lieblingszitaten gewesen sein. Er war achtsam genug, um sich nach dem Schreiben einen Moment zurückzunehmen und das große Ganze zu betrachten. Die Auswirkungen abzuwägen, wenn er seinen Brief abschicken würde.

Mark Twain dagegen hätte die heutige Zeit geliebt. Er hätte wahrscheinlich viele wutentbrannte Whatsapp-Nachrichten und Mails verschickt. Nur seine Frau bewahrte ihn davor, berufliche und private Kontakte zu vergraulen. Obwohl die Geschwindigkeit eines Briefs vom Absender zum Empfänger deutlich langsamer war als unsere Kommunikationsmittel heute es sind, hat ihn das nicht daran gehindert Nachrichten zu versenden, die er (hoffentlich) mit etwas Abstand gerne zurückgenommen hätte. Das Medium ist nicht entscheidend. Es ist unser Umgang mit unseren eigenen Gefühlen, unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Wie oft bereust du, den Senden-Button geklickt oder getippt zu haben?

Gleichzeitig finde ich die Idee charmant, die eigene Wut zu Papier zu bringen. Ich selbst nehme mir zu wenig Zeit um unangenehmen Gefühlen wirklich nachzugehen. Was stört mich wirklich? Werde ich gerade durch das Verhalten des anderen mit einem Anteil von mir konfrontiert, den ich selbst nicht leiden kann? Was kann ich aus der Begegnung lernen? Ich versuche Ärger meist schnell abzuschütteln. Ich fürchte, Abschütteln führt eher zu Reaktionen à la Mark Twain. Aus den eigenen Erfahrungen lernen, funktioniert unheimlich gut auf Papier. Vielleicht gehe ich also demnächst auch unter die Wutschreiber. Mit dem Ziel, ein Abraham Lincoln zu werden und kein Mark Twain.

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4 Comments Diese zwei Wutschreiber gingen in die Geschichte ein

  1. blogleuk

    Wenn überhaupt eher Lincoln, aber generell nach dem Prinzip: Bei Freunden Dampf ablassen und all die Schimpfworte loswerden, die mir nie über die Feder kommen würden 😉 Aber: schöner und interessanter Beitrag…wieder was gelernt.

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    1. Paul

      Danke dir! Scheint eine gute Strategie, zumindest ist das, was aus deiner Feder auf deinen Blog fließt, immer eine Lektüre wert :).

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  2. Dirk

    Ein Wutschreiber, der seinen Wut und seinen Hass in seiner Literatur ausgelebt hat, ist Thomas Bernhard.

    Ich habe letzte Jahr auch einen wütende Mail geschrieben an jemanden, von dem ich ziemlich enttäuscht war. All meine Enttäuschen, alle möglichen Vorwürfe von dem aus meiner Sicht erlebten mit diesem Menschen sind da rein geflossen. Habe da einige Zeit reingesteckt und als sie fertig war, überlegte ich länger, ob ich sie abschicken soll. Ich ließ es bleiben, da der Betroffene sich vermutlich etwas gedemütigt gefühlt hätte durch meine Worte. Und mir wurde klar, dass ich in den 3 Monaten unserer Zusammenarbeit auch Fehler gemacht hatte und er wohl seine Sicht auf die Dinge hatte. Bei vielen Zeilen hatte ich aus meiner Sicht natürlich Recht, aber was hätte es gebracht böses Blut zu provozieren. Nur weitere negative Energie, die er vielleicht in einer entsprechend wütenden Mail ausgedrückt hätte. Also ist die Methode von Lincolen wohl die Bessere. Schreiben als kathartischer Prozess um Wut abzubauen, sie aber nicht hochzuschaukeln, indem man vermeidet dem Adressaten es zukommen zu lassen.

    Übrigens auch anwendbar bei Alltagssituationen. Wirst du auf Jemanden extrem wütend und willst ihm fast schon an die Gurgel, atme mehrmals tief durch und beschließe eine Nacht darüber zu schlafen, bevor du auf den anderen reagierst. Du wirst sehen, die Wut ist verpufft. Vermeiden von spontanen Reaktionen ist hier die Kunst.

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    1. Paul

      Hi Dirk,
      danke für deinen Kommentar und deinen Tipp mit dem Durchatmen/Drüberschlafen! Das Drüberschlafen praktiziere ich auch so und bin damit immer besser gefahren als mit Spontanreaktionen

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