David Brooks: Befreiung durch Verpflichtung

Die Commencement Speech von David Brooks für die Dartmouth-Absolventen gehört zu den zumindest hierzulande unbekannten Diamanten. Dabei steht sie der legendären Steve Jobs Rede in nichts nach. Was das mit dem Schreiben zu tun hat? Verpflichtung kann auch hier eine Befreiung sein.

Dieser Mann spricht tiefe Lebenswahrheiten so beiläufig aus, dass man sie fast überhört. Aber er hat Recht. Die nicht mal fünf Minuten um mein 5-Minuten-Journal abends zu pflegen, die geplanten Bloggingzeiten an „freien“ Abenden einzuhalten, morgens um 8 Uhr im Büro zu sein – das macht mir alles nicht immer und dauernd Spaß und trotzdem sind genau diese selbst auferlegten Verpflichtungen meine größten Befreiungen.

Hier ein paar meiner persönlichen Diamanten aus David Brooks Commencement Speech 2015. Es lohnt sich definitiv, die ganze Rede einmal in Ruhe anzuhören.

Making commitments sounds intimidating, but it’s not. Making a commitment simply means falling in love with something, and then building a structure of behavior around it that will carry you through when your love falters.

Ich habe mich schon in meiner Schulzeit ins Schreiben verliebt. Damals kannte ich Schreibblockaden nicht. Schreiben passierte lange Zeit einfach ganz natürlich. War mein natürlicher Verarbeitungsmechanismus und gehörte wie Zähneputzen und Frühstück zu meinem normalen Tagesablauf. Dann kam das Studium. Der Berufseinstieg… und die Schreibblockade. Es hat mehrere Jahre gebraucht, bis ich verstanden habe, warum. Heute weiß ich: Wenn ich mir nicht genug Zeit reserviere für nicht-berufliches Schreiben, verkümmert etwas in mir. Statt mich von den beruflichen und privaten Verpflichtungen vereinnahmen zu lassen, habe ich vor ein paar Monaten mein Leben neu geordnet. Ja, der Blog ist auch ein Ergebnis davon. Es ist meine freiwillige Verpflichtung meiner Liebe zum Schreiben gegenüber. Weil nur das mir wirklich das Gefühl gibt, lebendig und ich selbst zu sein.

When you make a commitment to something you truly love, whether it’s a spouse, a job, a company, or a school, it won’t feel like you are putting on an uncomfortable lobster shell. It will feel like you are taking off the shell and becoming the shape you were meant to be.

Für viele ist Schreiben eher Berufung als Beruf. Sich selbst dieser Berufung in ganz konkreten Terminen und Handlungen zu verpflichten, scheint erst einmal kontra-intuitiv, kann aber helfen sie und damit uns selbst ganz zu entfalten.

Wie gelingt es, Verpflichtungen immer besser einzuhalten?

Berufungen sind wie Verpflichtungen für David Brooks moralische Akte. Charakterbildende Akte. Tugenden. Sie gehören zu den Dingen, nach denen unser Leben beurteilt werden wird, wenn wir gestorben sind. Klingt erst einmal sperrig.

Taking a job is not a moral act. Going on a date is not a moral act. Having a vocation is a moral act.

Für mich heißt das: Sich für das Schreiben zu entscheiden. Sich zu entscheiden, der Berufung Raum im eigenen Leben zu geben, ist eine Entscheidung, die in unseren Werten und unserem Charakter wurzelt. Diese Charakterbildenden Akte folgen – so David Brooks – nicht den Regeln der Logik, sondern konträren Regeln.

To develop morally and inside you have to follow an inverse set of rules. You have to give to receive. You have to surrender to something outside yourself to gain strength within yourself. You have to conquer your desire to get what you crave. Success leads to the greatest failure, which is arrogance and pride. Failure can lead to the greatest success, which is humility and learning. In order to fulfill yourself, you have to forget yourself. In order to find yourself, you have to lose yourself.

Meine Google-Kalender-Termine sind manchmal nervig. Manchmal will ich einfach auf der Couch versumpfen, aber wenn ich dann meinen Text nochmal durchlesen, weiß ich, dass mich die xte Folge der neusten Netflixserie nicht annähernd so glücklich und lebendig fühlen lassen könnte. Danke, David Brooks, dass ich meine freiwilligen Verpflichtungen jetzt in einem neuen Licht sehe.

It’s the things you chain yourself to that set you free.

Verpflichtest du dich, damit dein kreatives Schreiben Raum in deinem Leben bekommt?

 

Leseempfehlung: David Brooks: Charakter – Die Kunst, Haltung zu zeigen.

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